DAS LEBEN DER ANDEREN
KOMMENTAR
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 29. JANUAR 2007.
Natürlich war „Das Leben der Anderen“ nicht so, wie es der Film der darstellt. Dass ein Stasi-Spitzel sich auf die Seite der Bespitzelten schlägt, dürfte in der DDR eher unwahrscheinlich gewesen sein. Doch dass die DDR-Vergangenheit sich in einem Film niederschlagen würde, konnte nicht verwundern. Schließlich war der Fall der Mauer 1989 (9. November) und damit der Vollzug der Deutschen Einheit ein Jahrhundertereignis, das freilich bis heute viele Fragen offen ließ, die den „Langen Weg nach Westen“ (Heinrich August Winkler) tangierten.
Mit der ökonomischen Einverleibung der DDR durch den BRD-Staat, setzte der Run auf die letzten übrig gebliebenen Infrastrukturen des ehemaligen „sozialistischen“ Landes ein. Der Versuch des gnadenlos neuen Aufbaus im Osten Deutschlands scheiterte indes an allen Fronten. Um den Preis der nationalen Einheit wurden Millionen bereit gestellt, um die Idee der staatlichen Zusammengehörigkeit zu bestätigen.
Dem ökonomischen Desaster folgte ein politischer an allen Fronten. Der Ex-DDR Staat mutierte zu einem hoffnungslosen Sozialfall, in dem Rechtsradikalismus und bekannte Stasi-Altlasten ebenso einen Platz hatten, wie die Aufbauideologie, die von westlichen Politiker aller Couleur als „blühender“ Hort einer gemeinsamen Zukunft in allen rosaroten Farben geschildert wurde. Doch damit war die Demoralisierung noch längst nicht beendet.
Mit dem Bekannt machen der Stasi-Unterlagen konnte die Angriffsfläche noch um ein erhebliches gesteigert werden. Zwar können heute sämtliche Stasi-Unterlagen eingesehen werden, doch damit war die DDR-Vergangenheit keineswegs auf die Höhe der Zeit gehoben worden. Die Stasi dürfte sicherlich in einem Atemzug mit westlichen Geheimdiensten genannt werden. Den Sicherheitssystemen geht es um die Abwehr von Gefahr für das Land, aber auch um das Ausspionieren seiner Bürger.
Der Erfassungsstaat mit langer Tradition (von BND-ZKA, von MAD-LfV), kann sich dabei auf ein verzweigtes System von Spionagenetzen im In- und Ausland stützen, dass den Staat als fremde und subjektive Macht charakterisieren könnte, der bis in die Intimsphäre hinein kontrolliert und stigmatisiert. Die Bespitzelung nimmt dabei groteske Formen an, die zum Alltagsgeschäft mutiert ist, und sich heute weitgehend durchgesetzt hat, ohne dass die breite Öffentlichkeit dagegen opponiert. Ein bloßer Verdacht (vgl. auch den Fall El-Masri) reicht heute aus, um in den Blick der Behörden zu kommen.
„Das Leben der Anderen“ (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, 2005) will dem DDR-System auf die Spur kommen. Hauptmann Wiesler (Ulrich Mühe) MfS Mitarbeiter, wird auf den Dramatiker Georg Dreymann (Sebastian Koch) angesetzt. Alle Überwachungsmaßnahmen scheinen ihm legitim. Auf dem Dachboden spioniert er die Wohnung Dreymanns aus. Mit dem Eindringen in seine Intimsphäre befallen ihn Skrupel. Das Verhalten seines Vorgesetzten (Ulrich Tukur) und des DDR-Kulturministers (Thomas Thieme) leitet ein Umdenkungsprozess ein. Aus dem Jäger wird eine Art Bystander, der Dreymann beschützen kann.
Diese Art von Geschichten gibt es wie Sand am Meer. Man benötigt nur eine politische Verwandlung, um dort zu sein, wo das „Leben der Anderen“ spielt. Spätestens mit der Verfilmung von „1984“ (Regie: Michael Radford, 1984) war Politik in dieser Ausformung zum Krieg geworden. Befreiung wurde zur Besatzung. Und jede persönliche Regung ein Affront gegen den Staat, der mit aller Härte seine Untertanen zu willfährigen bürgerlich-kapitalistischen Kopfnickern machte, die unter Erpressung, Demütigung, Folter und Bedrohung mit dem Tod nahezu zu allen Aussagen bereit waren.
Dass die Staatssicherheit in der DDR die Methoden der Gefügigmachung nicht erfand, ist noch nicht einmal entscheidend. Das Sicherheitssystem bestand aus einem Weltbild, das den nationalen Wahn möglicher Systemschädlinge derart verinnerlichte, dass es zum Generalkiller wurde. Der Ost-West Gegensatz und der kalte Krieg, haben durch den Endsieg des totalen Marktes die Welt nicht friedlicher, sondern unfriedlicher gemacht. Allerdings trifft das auf die westlichen Demokratien ebenso zu, wie auf den Staatskapitalismus, der dem Ostblock eine reine Modernisierungsruine hinterließ.
Macht und Staat gehörten dort ebenso zusammen wie die private Aneignung von Staatskapital, dass sich in seiner Substanz von atavistischen Mächten umzingel sah. „Das Leben der Anderen“ kokettiert vor diesem Hintergrund mit Zersetzungs- und Überwachungsmaßnahmen der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Gewalt. Zweifelsohne ein filmischer Ansatz, der Interesse hervorrufen mag. Denn die Verwilderung der Staatsräson mit wechselnden Akteuren, gehört neben den Kriegen zur Repressionsübung jeglicher staatlicher Interventionstätigkeit.
Das Gewaltmonopol gipfelt nun nicht nur in der kriegerischen Niederschlagung des Feindes. Es wird gelauscht, konspiriert, registriert, recherchiert. Der Unterdrückungsapparat wechselt dabei seine Seiten in ungeheurem Tempo. Interessen gehen auch in ihm ineinander und durcheinander, bis er die Konterrevolution zu verwechseln scheint und zum Janus köpfigen Schattengesicht wird.
Die Banalität des Alltäglichen in der ehemaligen DDR, die Enthüllungen im Film über die immer wiederkehrenden Sozialbeziehungen, wurde bisher stürmisch gefeiert. Auch so konnte auf diese Weise die DDR demontiert werden. Dass der westlicher „Kerker“ jedoch um keinen Deut besser war (und ist), fiel unter den Tisch. Und dass gerade die westlichen Marktgesänge ein Hohes Lied auf jene perfide Bespitzelung anstimmten, konnte nicht verwundern.
Die genreüblichen Fiktionalisierungen des Films könnte man hinnehmen. Doch bereits hier werden sie nicht durchleuchtet. Das staatstragende Machtgehabe wird nun mal nicht in den Zusammenhang des Zusammenbruchs gestellt. Zwischen der wegbrechenden regulären Staatlichkeit und dem Schritt zum kosmopolitischen Weltpolizisten, müsste der Nährboden beleuchtet werden, auf dem sich eine Einhegung vollzieht. Da das nicht abzusehen ist, fällt die Kontroverse über „Das Leben der Anderen“ eher bescheiden aus.
Im Mittel bemüht er sich nur um die Desavouierung. Praxis und Logik sollte man nicht so untersuchen, weil sonst hanebüchene und katastrophale Ungereimtheiten auffallen würden (z. B. nächtliche Anschläge der Schreibmaschine zu Zeiten von Lauschangriffen). Dann wird es nur noch fragwürdig. Mit Volkseigener Nutte und schablonenhafter Sucht einer Tablettenabhängigen, rutscht das Stasi-Thema ins Vulgäre ab. Gestapo-Mäntel feiern ebenso eine Auferstehung wie die berühmte Bogart Zigarette in Krisensituationen.
So kann natürlich Geschichte und Geschichtsschreibung nicht funktionieren. „Das Leben der Anderen“ hat den Test nicht bestanden. Immer noch geht es um die Frage, was es ist, dass die Menschen dazu bringt, ihnen ihre Würde zu nehmen, warum sie instrumentalisiert werden können und fremdbestimmten Vorgaben anheim fallen. Eine Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit hat gerade erst begonnen.
Filmisch betrachtet ist die kritische Positionierung zu einem DDR-Thema nach „Führer Ex“ (Regie: Winfried Bonengel, 2002) ein Flickwerk, das die vorgegebene Geschwindigkeit nicht halten kann. Die Loyalitäten und Beziehungsgeflechte des DDR-Staates als Fortsetzung des politischen Verkehrs, wären ideologiekritisch erst herauszufiltern. Dann beständen auch Möglichkeiten jenseits von Ost und West, Macht und Staat über eine gute Zukunft nachzudenken, in der die zwanghaften und psychopathischen Persönlichkeiten der Unrechtssysteme der Vergangenheit angehören.