DEJA VU - WETTLAUF GEGEN DIE ZEIT.
VERSUCH, SICH EINEM FILM PHILOSOPHISCH ZU NÄHERN.
KOMMENTAR
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 20. DEZEMBER 2006.
Die Zeit ist wie ein Spiegel. Wenn der Beobachter in ihn hineinblickt, ist der Sprung in die Vergangenheit bereits erfolgt. Und die Zukunft liegt spiegelbildlich betrachtet, in greifbarer Nähe. Denn das eigene Spiegelbild reflektiert, grob gesagt, die Erinnerung an das Vergangene, an das Zukünftige. Liegt hier eine Sinnestäuschung vor?
Suggeriert der Blick nicht vielmehr, dass der ständig vor dem Spiegel stehende Beobachter, und der ruhende (das Spiegelbild) eins sind, eine Person mit wechselhafter Geschichte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft?
„Deja Vu - Wettlauf gegen die Zeit“, scheint in der Tradition von „The One“ (Regie: James Wong, 2001)und der „Matrix-Trilogie“ (Regie: Andy/Larry Wachowski, 1999-2003) zu stehen. Allerdings dürften auch Anleihen aus dem „Philadelphia Experiment“ (Regie: Stewart Raffill, 1984), der „Zeitmaschine“ (Regie Simon Wells, 2002) und dem „Minority Report“ (Regie: Steven Spielberg, 2002) nicht zu übersehen sein. Die verschiedenen Zeitebenen, die der Film problematisiert, lassen Hinweise auf das Relativitätsprinzip zu, wonach jede Bewegung relativ ist, nicht ohne Bezug zum Beobachter steht, nicht ohne Bezug auf einen zweiten Körper festgestellt werden kann. Die Zukunft, hier als richtungsweisendes Moment gedeutet, soll ein Verbrechen verhindern, das in der Vergangenheit geschah. Der Beobachter (Denzel Washington) ist dazu gezwungen, Raum und Zeit (neu) zu definieren um zur Lösung zu gelangen (das Verbrechen aufzuklären), und/oder zu verhindern.
Der Sprung in die Vergangenheit ist das eigentlich interessante an „Deja Vu“. Irgend etwas stimmt hier mit der Zeit nicht! Möglicherweise beobachten der sich bewegende und ruhende Beobachter verschiedene Zeiten, wenn denn feststehen sollte, das für alle mitwirkenden Protagonisten in diesem Film ähnliche Zeitabläufe, die man auch Geschwindigkeiten nennen könnte, zutreffen. Die Veränderung der Situation, der permanente Wechselsprung in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, führt zu der Vermutung, dass eigentlich gar keine Veränderung eintritt; denn das Verbrechen selbst ist es, das eine Rückdatierung nicht erlaubt.
Ist alles in „Deja Vu“ nur eine Täuschung? Es gibt ja keine und sofortige Wechselwirkung. Sie benötigte Zeit, um von einem Ort (Raum) zum anderen zu gelangen. Wenn es in der Natur, nach Einstein, keine instantanen Wechselwirkungen gibt, dann muss eine maximale Geschwindigkeit für Wechselwirkungen existieren, was vereinfacht mit Lichtgeschwindigkeit übersetzt werden könnte. „Deja Vu“ ist davon weit entfernt. Der Film bietet an, dass jedermann das Ereignis zur gleichen Zeit beobachten kann, in der Zeit und im Raum. Gleichzeitig vorwärt und rückwärts, ganz gleich wie er sich bewegt oder andere sich bewegen.
Das eingangs erwähnte Spiegelbild wäre eine Zeitmauer. Man schaut in den Spiegel und sieht bereits seine eigene Veränderung, die sich nanosekundenschnell vollzogen hat. Die materielle Eigenschaft der Welt, die (Licht-)Geschwindigkeit, erlaubt dem Filmbetrachter, eine Erklärung dafür zu finden, dass die Zeit die zwischen zwei Ereignissen vergeht (hier zwischen dem Mord und der möglichen Verhinderung), nicht unbedingt die gleiche für alle Beobachter ist, die sich im Film aufhalten. Das Ereignis, das vergeht, die Erinnerung, die Vergegenwärtigung, der Zeitsprung, die Geschwindigkeit, oder der Zeitraum der Handlung spielt bei der Beurteilung der Gleichzeitigkeit der Ereignisse eine entscheidende Rolle.
Das Zeitsystem wird auf den Kopf gestellt. Es ändert sein Bezugssystem. Und doch ist die Relativität der Gleichzeitigkeit ein kausaler Zusammenhang. Während die Großraumfähre explodiert und ein Polizist wegen des Todes einer Frau ermittelt, kann behauptet werden, dass die verstrichene Zeit zwischen den tatsächlich geschehenen Ereignissen allenfalls ein relatives Maß ist. Woraus zu folgern wäre, dass das räumliche Bezugssystem relativ ist und abhängig vom Bewegungszustand des Betrachters. Man muss sich also mit der Zeit- und der Raumfrage beschäftigen, mit verschiedenen Zeitebenen, wenn „Deja Vu“ ansatzweise verstanden werden soll. Ein Ort, eine vergangene Zeit und ein Ereignis stehen im Zusammenhang.
Der nächste, darauf folgende Ansatz wäre: Das System, in dem der Film funktionieren soll, müsste durch Koordinaten bestimmt sein. Ein ruhender Beobachter könnte eine längere Wegstrecke der Beobachtung benötigen als ein sich bewegender. Obwohl das unsinnig ist, weil für alle die vergangene Zeit (Geschwindigkeit) gleich ist. So bleibt trotzdem genügend Vorstellungskraft übrig, um sich zu verdeutlichen, wie Ereignisse vor- und zurücklaufen, wie Raum und Zeit modifiziert werden können zu einer neuen Gleichung für Additionen von Bewegung (Geschwindigkeit). Verbrechen verhindern, bevor sie geschehen. Niemand weiß, wie das möglich sein könnte. In „Deja Vu“ liegt eine Menge der Geschichte des Verständnis von Raum- und Zeitfragen, von bewegenden und sich unbewegenden Dingen, von der zeitlichen und räumlichen Veränderung in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
Das eingangs erwähnte Spiegelbild ist bereits Veränderung, bevor wir, das wäre die nächste Variante, in den Spiegel hineinsehen haben, weil die Zeit schon vergangen ist. Und unser zukünftige Blick, den wir schauen werden, schon zurückliegt. Möglicherweise erleben wir somit verschiedene Zeitebenen. Der jeweils sich bewegte und der ruhende Beobachter erleben sich also zu verschiedenen Zeiten. Den Widerspruch aufzulösen, hieße nun, sich in die jeweilige Betrachterperson hineinzuversetzen, und sie durch die verschiedenen Zeitperioden des Films zu führen. „Deja Vu“ ist ein hochinteressanter Ansatz. Und bietet auf der philosophischen Ebene viel Zündstoff.