ABSOLUT POWER
IM LABYRINTH
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 19. DEZEMBER 2005.
Clint EASTWOOD ist ergreifend, wenn er sich in sein Leben als alternder Meisterdetektiv zurückzieht. EASTWOOD löst das Puzzle auf, er ist der Mann für die Katastrophen, der gescheiterten Beziehungen, der verpassten Chancen. EASTWOOD ist Tempo, Rhythmus, Gelassenheit und Ausbruch. Mit einem Wort: EASTWOOD ist der nostalgische Einzelgänger in „Absolut Power“ (Regie: Clint EASTWOOD, 1996).
Luther Witney wird bei einem Einbruch überrascht und beobachtet von einer Geheimkammer, wie der betrunkene Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (Gene HACKMANN) mit der Frau seines politischen Mentors in dessen Villa eine heiße Sex - Affäre hat. Als diese Spiele außer Kontrolle geraten, wird die Frau von den Leibwächtern des Präsidenten erschossen. Luther kann fliehen, gerät aber ins Speerfeuer von Geheimdienst, Polizei und einem Killer. Er zieht es vor, sich außer Landes zu begeben, wird jedoch von den Lügen des Präsidenten und seiner Tochter Kate (Laura LINNEY), die seinetwegen in Lebensgefahr gerät, dazu gezwungen, zu handeln.
Die faszinierende Reise kann beginnen: zornig, bitter, minimalistisch, schnörkellos und perfekt inszeniert EASTWOOD mit düsteren Untertönen eine fiktive Story um einen betrunkenen Präsidenten, der am Tod einer Frau erhebliche Schuld hat. Es ist nicht die Beziehung des Präsidenten zu dieser Frau, die dem Film die Würze gibt, sondern die Studie über die Verschlossenheit, die sich über den Film legt, die ergreifend ist, weil sie in der Wirklichkeit lebt. Luther muss verbittert feststellen, dass es im Leben nicht darum geht, nur die Fahrspur zu wechseln, sondern auf der richtigen Seite zu bleiben, wenn man überleben will.
Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die eine wahre Kette von Katastrophen nach sich ziehen. Chronologisch aneinander gereiht kombiniert er die schwierigen Umstände, die ihn und seine Vergangenheit einholen, wobei der Mord an der Frau ihm nur Hinweise auf sein eigenes Leben geben: Verzweifelung und tiefe Melancholie. Die Regeln bestimmen meist die anderen. Am Ende wird man froh sein, nicht zu denen gehört zu haben, die sich in Täter - und Opferbildern wiederentdecken. Manchmal ist das Leben ein Alptraum. Und manchmal nur eine Aneinanderreihung von Klischees.
Manchmal ist das Leben blendend durch visuelle Bilder, manchmal scheinbar nur aufgesetzt, manchmal eine misslungene Melange aus Verlierermotiven, manchmal eine harmonische Gegenwelt und manchmal nur ein verschwommener, kurzer Augenblick. Doch die Wahrhaftigkeit ist das, was zählt, die abgrundtiefe Liebe zu einem Menschen, mit der sie gelebt werden kann. Plötzlich erscheint alles verschleiert, ist nicht aufgelöst und aufgehoben, ist vergegenwärtigt und doch nicht, ist vorbereitet und in Szene gesetzt, ist Spekulation, erzeugt atmosphärische Stimmungen und zeitgeschichtliche Zusammenhänge.
EASTWOOD wäre nicht EASTWOOD, wenn er die angedeuteten Konflikte nicht weiterentwickeln würde. „Absolut Power“ steht deshalb auch für den Ausgang des Jahrtausends. Der Film schickt das Publikum facettenreich, sensibel und alltagsnah in den beklemmenden Stand der Dinge, in sein eigenes Versagen hinein, in das eigene, autistische Ich ohne Ecken und Kanten. Die alte Leidenschaft erwacht erneut in EASTWOOD: es geht nicht mehr darum, nur Perspektiven aufzuzeigen, sondern darum, das korrupte System darzustellen, seine Kehrseiten zu beleuchten. Das Individuum im Spielball der Mächte. Das ist die Welt von EASTWOOD. Man muss sich absolut von „Absolut Power“ beeindrucken lassen, von den verschachtelten Spielen um Erinnerungslücken, Macht und Wahrheit im globalen Destruktionsbetrieb.
Fazit: Die Inszenierung, die Kamera und das Licht feiern hier Triumphe. Die mitunter sprachlose Zeit der Eingangssequenz ruft in Erinnerung, dass es immer Geheimnisse gibt, in der Gegenwart und in der nahen Zukunft. Vor den Augen des Publikums wird die Politik zusehendst skandalös, chaotisch, unverständlich, zur globalen Gefahr, die auf ununterbrochene Zerstörung angelegt ist. Da scheint es angebracht, sich selbst schlüssige Antworten zu geben. Bisweilen ist die irritierend-beruhigende Atmosphäre und der Tiefgang der Stichwortgeber für die illusionslose Zeit voller Bitterkeit in der wir leben.
|