ZWÖLF UHR MITTAGS ABRECHNUNG UND AUFBRUCH von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 28. FEBRUAR 2006. Schmerzensreich geboren, die Extreme ausreizend, Gefühle wagen, dynamische Breite entwickeln und alles zu einem dichten Stimmungsbild verwoben- das war „Zwölf Uhr Mittags“ (Regie: Fred ZINNEMANN, 1952), der womöglich beste Western aller Zeiten mit Gary COOPER als Will Kane. Das Western - Drama wäre vielleicht in eine andere Richtung gestrebt, wenn es denn zu einem anderen Zeitpunkt in die Kinos gekommen wäre. Und damit hätte es auch eine Stoffveränderung geben können. Doch hier sollte sich bewahrheiten, dass der Stoff aus dem die Träume sind, einer war, der alle vor eine große Herausforderung stellte: den Regisseur Fred ZINNEMANN („Verdammt in alle Ewigkeit“, 1939, „Spur im Dunkel“, 1942, „Das siebte Kreuz“, 1944, „Der alte Mann und das Meer“, 1958, „Der Schakal“, 1973, „Am Rande des Abgrunds“, 1982), den Drehbuchautor Carl FOREMAN, den Produzenten Stanley KRAMER, Grace KELLY (als Amy Kane) und Gary COOPER selbst. „Zwölf Uhr Mittags“ wurde zur Zeit der McCARTHY Ära in den USA produziert. Und der gebrochene Held wirkt in manchen Szenen so, als ob er soeben von einer Anhörung nach Hause zurückgekehrt ist. Tatsächlich dürfte der Film mit den Anspruch unterlegt gewesen sein, mit der Kommunistenhatz abzurechnen. Will Kane zählt zu den Charakteren, die nicht berüchtigt und kaltblütig (wie in den meisten Western) sind, die niemanden in den Hinterhalt locken, um sie dann rücklings zu meucheln. Er zweifelt an seinem Auftrag, einen Gangster, den er vor Jahren ins Gefängnis brachte, am Tage seiner Hochzeit mit Amy zu erschießen. Der auf Rache sinnende Gangster soll mit dem Mittagszug eintreffen. Die Bewohner der Stadt raten Kane sich in Sicherheit zu bringen, Amy Kane will ihren Mann wegen der bevorstehenden Gewalttätigkeiten verlassen. Die Situation schaukelt sich hoch und eskaliert. Kane wird trotz Gewissensbisse seinen Widersacher zur Strecke bringen. Der Film, eine moderne Tragödie der Nachkriegszeit, ist im Spannungsfeld eines sozialen Umfeldes angesiedelt und kann als Abschied und Aufbruch gekennzeichnet werden: Abschied von der engstirnigen Verfolgung Andersdenkender, die in der Ära des Kommunistenjägers McCARTHY stramm verfolgt wurden, wo jeder verdächtigt wurde, der auch nur den Hauch von Kritik äußerste und wo jede persönliche Wandlung und Stellung zum Staat sofort in die „kommunistischen Umtriebe“ einmündeten. Angesichts dieser Tatsache ist Kane nur seinem Gewissen verpflichtet, das sich symbolisch in dem kommenden Männerduell widerspiegelt. Die Abrechnung mit dem, was da kommen mag, setzt sich bei Kane in der Angst fest, Dinge zu tun, die er später bereuen könnte, und die in ihm Spuren eines Seelendramas hinterlassen. Kane rechnet auf seine Weise mit der ihn erschleichenden Ahnung ab, dass nur der Tod innere Ruhe versprechen könnte; denn er weiß nicht, wen es trifft. Er quält sich förmlich durch das Geschehen, rätselt, lotet aus, übt Kritik, und ist sich über die Gefährlichkeit seiner Verstrickung durchaus im klaren. Die Abrechnung verknüpft sich mit dem Anspruch, frei zu entscheiden und nicht gezwungen zu werden, einzufordern statt mit Kalkül und Berechnung zu entscheiden. Die Moralität des Films ist eine Abkehr von der Blutrünstigkeit und Kaltblütigkeiten. Der gebrochene Held beschreitet damit einen Weg, der ihn aus der Engstirnigkeit der falsch verstandenen Gesetzestreue herausholt. Der aufbrechende Marshal als menschliches Wesen voller Mitgefühl, wird sich zwar für die Waffe entscheiden, doch dies erst nach einem (langen) Prozess des inneren Ringens mit sich selbst. Carl FOREMANN war übrigens selbst in die Fänge des Hauptanklägers geraten, hatte hier wohl auch seine persönlichen Erfahrungen verarbeitet und damit Gary COOPER auf die Reise geschickt. Fazit: Außergewöhnlich gut. Die Figur des Will Kane ist psychologisch bestens dargestellt. Durch die zeitliche Verortung gelang es dem Regisseur, eine Einheit der agierenden Personen, der relativen Zeit und des Handlungsortes herzustellen.
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