ANTIKÖRPER SCHWEIGENDE LÄMMER von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 10. JULI 2005. Ein deutscher Versuch, einen Serial Killer auftreten zu lassen, der wie im „Schweigen der Lämmer“ (Regie: Jonathan DEMME, 1991) mordet, mag als gründlich gescheitert angesehen werden. Es beginnt damit, dass der Dorfpolizist aus Herzbach Michael Martens (Wotan WILKE-MÖHRING) nach Berlin reist, um herauszufinden, ob ein Mord an seinem Mädchen aus seinem Ort wirklich auf das Konto von Gabriel Engel (Andre HENNICKI) geht. Ein Katz- und Mausspiel beginnt. Der Film steht in der schlechtesten Tradition der Fernseh-Tatort-Reihe. Hatte einst Schimanski (Götz GEORGE) dem Genre seinen Stempel aufgedrückt, so versucht nun Regisseur Christian ALVART mit seinem Kinodebüt die alten Plattitüden wieder aufzuwärmen. Und er meint, wenn er besonders vulgär und sexistisch ist, die Sexualität der Gewalt als blutige Inszenierung darstellen zu müssen. Diese Soap-Opera , die Vermischung aus besonders brutalen und weichen Szenen, ist vielleicht nichts für die bügelnde Hausfrau, aber Action für den Mann mit Abstiegsängsten und frivolen Potenzträumen. Das Schlechte an diesem Film ist, dass er den Zuschauer mit einem Spannungsbogen ködern will, der keiner ist. Gabriel Engel, das ist eindeutig, ist und bleibt der Killer, an dem nie gezweifelt wird. Fälschlicherweise werden einfach einige Stränge in diesen Film hineingewoben, die den Anschein erwecken sollen, dass Engel nicht der einzige Mensch ist, der von seinen Taten weiß. Der Sohn von Martens, ein heranwachsender Pubertierender wird urplötzlich zum Verdächtigen, weil er das Mädchen aus Herzbach kannte, mit ihm sogar intime Zärtlichkeiten austauschte. Urplötzlich gerät er in Verdacht. Und das, so denkt man, müsste dem Film doch die eigentliche Würze geben. Doch weit gefehlt: diese Tricks sind bedeutungslos. Und im Zuge der Reinwaschung, der Suche nach Indizien und Spuren, der Rekonstruktion der Verbrechen, wirken sie einfach nur peinlich. Die Problematisierung von Themen wie Kindesmissbrauch, Katholizismus und familiärer Probleme sind aufgesetzt und, ohne dass dadurch die Ermittlungen entscheidend vorangebracht werden. Wenn Martens eine außereheliche Begegnung hat, dann wird einmal mehr deutlich, dass es hier hur darum geht, dreckiger als andere Streifen zu wirken. Martens beichtet, Martens will Psychologe bei der Befragung von Engel sein und Martens wird umgeben mit Rettungs-Rehen. Hier nun werden alle Filmregeln auf den Kopf gestellt. So etwas dummes hat man im deutschen Kino schon lange nicht mehr gesehen. Im Laufe von langen Verhören oder vielmehr Gesprächen mit dem Verdächtigen, in denen man immer wieder auf unwichtige Dinge zu sprechen kommt, soll wohl das Verhör von Clarice Starling mit Dr. Hannibal Lecter aus „Schweigen der Lämmer“ nachgeahmt werden. Der Zuschauer kann diesen Unterhaltungen kaum etwas abgewinnen, zumal er ja den Mörder bereits kennt. Die ungeschickten Fragetechniken, mit denen Engel bearbeitet wird, haben nichts mit dem hartnäckigen Charakter von Inspektoren zu tun, die den Delinquenten doch mehr und mehr in die Enge treiben können. Besonders plump ist dabei Heinz HÖNIG als Seiler. Das ist alles weder konsequent noch gradlinig. Wenn hier ein diabolisches Spiel eingeführt werden sollte, mit dem die Stufe der Abgründe der menschlichen Psyche beleuchtet werden sollten, dann ist das äußerst einfallslos, Suggestion und nur Emotion. Die Szenen sind aneinandergepappt, die Dialoge kaum hörenswert, Spannungswechsel vorhersehbar, und die Täuschungsmanöver misslingen auf der ganzen Ebene. Die wenigen Minuten, die das Publikum in die Irre führen, um glaubhaft darzustellen, dass der Serial Killer nicht das Mädchen getötet hat, ist Gehampel und bloße Katastrophe. „Antikörper“ hat nicht, was von Bedeutung wäre. Er ist eine peinliche Entgleisung, leidet unter seinen Unausgegorenheiten. Wer da noch einen tieferen Sinn (das Verhältnis des Killers zum mythischen, oder die Selbstkasteiung Martens mit Heftklammern) vermutet, der dürfte Hollywood in Deutschland kaum verstanden haben. Fazit: Einer der schlechtesten Filme, die es auf diesem Sektor überhaupt gibt. Wer extraordinär und extrasexistisch wirken will, der ist naiv oder besonders geschäftstüchtig. Mehr nicht!
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