HALLOWEEN
OBSZÖNE METZELEIEN
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 27. OKTOBER 2007.
„Blut ist ein besonderer Saft", wusste schon Mephistopheles. In der „Nacht des Grauens" gibt es nun mal keine Flüssigkeitsverschnitte. Es fließt gleich literweise. Bei John Carpenters „Halloween" (1978) jedoch passte einst alles zusammen. War doch sein „Halloween" mehr Befreiung als Vergeltung, mehr Aufklärung als Infizierung, mehr Projektion als Halluzination, mehr Hypnose als Verunsicherung und mehr emanzipatorische Absicht als elitärer Schrecken. Die Interpretationen des Films sind weitreichend und vielschichtig. Allerdings sollte man auch auf eine bedingungslose Solidarität mit Carpenters Klassiker verzichten.
Der Balanceakt zwischen Seriosität, Toleranz, Verachtung und Ablehnung ist nun mal schwierig. Zu schnell ist man auf dem Pfad der Verteidigung des Mainstreamkinos gelandet. Und damit wird dann eigentlich auf jedwede Kritik verzichtet. Natürlich war Carpenters „Halloween" Irritation und Schock, verwirrend und unheilvoll zugleich. Und das Kino wurde mit einem mal ein Hort der Gewaltdarstellung, die sicherlich nicht der Meister zu verantworten hatte. Doch Carpenters Fassung war grob gesagt, ein Seitenhieb auf die repressive gutbürgerliche Normalität, wo die Taten des Michael Myers zur vernichten Paranoia wurden.
Rob Zombies „Halloween" ist nichts von dem. Es ist ein Maximalismus des Unsinns. Sein Film zeigt, wie wenig hier zusammenpasst und was an den Haaren herbeigezogen wird. Das klassische beängstigende Kino hatte nie mit Botschaften, die es zu vermitteln gedachte, gezaudert. Das moderne Horror-Kino versteigert sich jedoch in die Ersatzhandlung, in einen Amok-Terror, in den selbsterklärten Feind. Im Klima seiner grobschlächtigen (Selbst-)Vernichtung geht es auf alles los, was ihm in die Quere kommt.
Michael Myers ist nun zurück. Was er im Gepäck hat, ist bekannt. Er kommt, um zu richten, zu killen und zu vernichten. Die bisherige Waffe, ein großes, blankes und blitzendes Messer reicht ihm in dieser Fassung nicht mehr. Er erschlägt mit Holzstämmen, Baseballschlägen und Ketten, erwürgt und ertränkt. Der messerstechende Küchenmeister muss das für die heutige Zeit kompatibel gewordene Kino des Grauens bei weitem überschreiten. Nicht das Richten mit dem Messer, die Stiche in die bereits toten Körper ist angesagt, sondern eine handabhackende Fassung, die besonders grausig erscheinen muss.
„Halloween" 2007 ist eine ekelerregende Schau der Obszönitäten. Die Gejagten müssen ehrerbietig fliehen, sie müssen kriechen, um ihr Leben winseln, um Gnade flehen bis sie bestialisch umgebracht werden. Michael Myers bewegt sich auf dem dunklen Feld der psychischen Phantasmen. Und er findet Genugtuung, wenn er morden darf. Zunächst Tiere, dann Menschen. Die Reduktion auf die bloße Gewalt ist deshalb die Substanz des Films. Micheal Myers ist zu einem üblen Modernisierungsschlitzer geworden, der sich auf die Urform des Horrorkinos besinnt: Systematisch und ausgeklügelt die rituellen Zwangshandlungen des Gemetzels als genial-originelle Idee zu verkaufen.
Rob Zombies Michael Myers ist ein obszönes Sinnbild für den Zerfall des gesamten Genres. Falls gewaltpornografisch hier zutreffen sollte, dann ist es Zombies Version von „Halloween". Kunst kann immer etwas Obszönes beinhalten, wenn sie gegen kulturelle Zwänge insgesamt aufbegehrt. Und in die Grenzbereiche des Ästhetischen vordringt. Die heutige bürgerliche Kunstepoche kann jedoch einen unversöhnlichen Widerspruch darstellen, wenn sie die klassische Ästhetik des Schönen zu überschreiten gedenkt. Das verhüllende Feigenblatt wird zum enthüllenden. Im Kino ist dieser Bereich zur Rohheit und Verdummung geworden, die im Horror die absichtliche Entblößung und Verletzung zur Folge haben. Im übersteigerten Sinne ist die Domäne „obszön" gleichbedeutend mit der Profanierung des Schönen durch das Hässliche verknüpft. Der Rückgriff auf die Versklavung der Sinne ist der Schock, der gleichermaßen in der Obszönität und der mechanisierten Gewaltdarstellungen obsolet geworden ist. „Halloween" 2007 ist darum ekelhaft, absurd und rücksichtslos zugleich. Das Pornografische wird hier möglicherweise zu einer Maßlosigkeit. Michael Myers wäre dann kein „Schwarzer Mann" mehr, sondern ein zynisches Hinrichtungswesen mit neurotischen Tötungslust. |