DER UNGLAUBLICHE HULK
RASANT UND MIT TIEFE
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 24. MAI 2010.
Es ist Edward Norton der mit seinem unaufdringlichen Spiel beeindruckt. In „Der unglaubliche Hulk“ (Regie: Louis Leterrier, 2008), kann er nachhaltige Akzente setzen. Das ist angenehm zu beobachten. Manchmal ist seine Wandlungsfähigkeit schon überraschend. Wenn etwa an „The Score“ (Regie: Frank Oz, 2001) gedacht wird, wo er den behinderten Reinigungsmann „Brian“ alias Jack Teller spielte, dann wird klar, dass sein schauspielerisches Talent viele seiner Zunft deutlich in den Schatten stellt. Norton kann sich in „Der unglaubliche Hulk“ ohne Getöse und Gewühle auch durchsetzen.
Doch das „Hulk“-Universum hinterlässt eine tiefergehende Frage: Was treibt diesen „Hulk“ eigentlich an, wofür steht er, was will er, woher kommt er und wohin geht er? Viele Fragen und keine Antworten! Und doch ist der (Wut-)Ausbruch, der ihn antreibt, von jener Qualität, die die schwelenden Konflikte in uns selbst auslösen können. Niemand ist frei von Aggressionen. Sie kommen und gehen. Bei manchen früh, bei einigen spät, sie bleiben Wegbegleiter oder sie können therapiert werden. Wie dem auch sei: Schwelende Konflikte in uns können ständig ausbrechen.
„Hulk“, das Monster, der in uns schlummern mag, lässt mit jedem Schritt sein Ego stets aufs Neue kollabieren. Er speist seine Wut aus seiner Energie und zertrümmert alles um ihn herum. Das ist ein faszinierendes Spiel, das einem Verständnis abringen sollte; denn was nach außen drängt, hat innere Ursachen. Selbst wenn die körperlichen Dimensionen nicht stimmen mögen, die Farbe grau nervt und abtörnt- es bleibt doch jemand über, der Angst vor seinem zweiten „Ich“ hat, vor seinem „Über-Ich“ und vor seinen drohenden und ausbrechenden Neurosen.
Dieser „Hulk“ steht für die gegensätzlichen Seiten in uns, der von der Vernunft gesteuerten und der labilen Seite. „Hulk“, der die härtere Gangart bevorzugt, hinterlässt Furcht. Doch die Eruption ist sein Markenzeichen. War er vor diesem Hintergrund möglicherweise einst unscheinbar, von einer kleinen, unscheinbaren Statur? Dann mögen seine Ausbrüche ein Kind der Zeit sein. Aber auch dann, wenn es nicht so ist, passt er in uns hinein, ins 21. Jahrhundert, das voll von Kriegen und Aggressionen, voll von Mord und Verbrechen ist.
Die gequälte Präsenz eines Mannes, der stark sein will, aber dennoch verlieren wird, macht ihn und diesen Film zu einem sehenswerten Ereignis, das zwar in der obligatorischen Feldschlacht ausartet, jedoch durch seine Auffälligkeit ins Auge sticht: „Hulk“ haucht nicht nur den Comic-Geschichten neuen Atem ein, er wird auch zu unserem persönlichen Prestigeobjekt. Ein Mann mit Metamorphosen ist logisch gedacht, nicht immer fürsorglich und zuvorkommend- manchmal, vielleicht sogar öfter als uns lieb ist, wird er zu einem ungehobelten Wutklotz, der gerne alles in Stücke schlägt. Hier findet eine Entladung statt, die mit seelischer Pein einhergeht. Das ist auch ein Teil der gesellschaftlichen Sozialgeschichte, über die reflektiert werden sollte. „Hulk“ mag deshalb für die Entwicklungsrichtungen des Individuums stehen. Doch auch hier, bleibt eigentlich wie immer die Frage danach: Interpretiert der Autor nicht etwas in den Film hinein, der diese philosophischen Gedanken gar nicht verdient hat?
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