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The Tree of Life Filmposter
Originaltitel: The Tree of Life
Produktionsjahr: 2011
Regie: Terrence Malick
Laufzeit: 138 Minuten
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Starttermin D: 16.06.2011
Starttermin US: 27.05.2011
Budget: nicht bekannt
Produktionsländer: USA
Genre: Drama, Fantasy

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Eingetragen von Malick - 31.10.2007
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spacerFILMKRITIK
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spacerDidi | Filmkritik wurde am Samstag, 18. Juni 2011 eingereicht

THE TREE OF LIFE

MYSTERIÖS

Es gibt Filme, die schwierig sind. Sie zu interpretieren, allemal. Oftmals lassen sie sich gar nicht von der politischen oder philosophischen Einstellung eines Regisseurs trennen. Aus der Filmgeschichte gibt es dazu unzählige Beispiele. Leben und Tod scheint ein ständiges Thema in Filmen zu sein. Und Regisseur Terrence Malick („Der schmale Grat“, 1998) scheint sich mit dem Blick auf das Leid anderer, auf den Schmerz und auf die Opfer, dem religiösen Denken anzunähern, und fühlt sich wie in „The Tree of Life“ dem auch verpflichtet. Wie M. Night Shyamalan, so verleugnete Malick seine enge Beziehung zu Gott nie. Was er für ihn ist, oder sein könnte, versucht er mit seinem neuen Film zu verdeutlichen. Für Malick, das vorweg, ist dieser Gott nicht identisch mit dem der christlichen Religionen. Er entspricht eher (s-)einer philosophischen Betrachtungsweise- es scheint so zu sein, dass Gott für Malick ein spiritueller ist. Damit, wenn man einen der aktuellen Vorläufer des Films, den „Schmalen Grat“ zur Grundlage nimmt, schlägt der Regisseur einen Weg ein, der in die finstere Naturmystik und der Mythologie einmündet.

„The Tree of Life“ erscheint 6 Jahre nach „The New World“. Der Film beginnt mit der kontemplativen Schau des Amerika in den 1950ger Jahren, in die Zeit Eisenhowers, dem Beginn des „American way of Life“. Drei Jungen spielen im Garten eines Hauses, Vater und Mutter O’Brien (Brad Pitt, Jessica Chastain) behüten ihre Kinder, Licht fällt ein das dem Film einen visionären Rahmen gibt, ruhig, sanft, blendend, grell und hell. Merkwürdig: Man bekommt den Eindruck, als ob es hier nie die geringsten Verfehlungen gab. Alles scheint eingebettet in einem Kokon der Obhut und der Demut zu sein. Erst nach und nach weicht dieser Blick. Das Unbeschwerte wird verloren gehen. Der Off-Sprecher zitiert Hiob: „Wo warst du, als ich dich rief?“ Gott verfolgt stets seinen Plan!

Ein Schnitt! Auf schonungslose Weise wird der Zuschauer offenbar, dass hier ein Unglück passiert ist. Ein Postbote bringt einen Brief, ein Telegramm, aus dem hervorgeht, dass ihr zweiter Sohn tot ist. Er starb im Alter von 19 Jahren. Mit zermürbender Präzision erfährt der Zuschauer davon. Den Vater erreicht diese Nachricht auf einem Rollfeld. Doch der Lärm auf diesem übertönt alles. Es ist wie in Babylon: Die Menschen hören sich nicht mehr, sie sprechen verschiedene Sprachen.

Der Tod des Sohnes verändert alles. Malicks Blick gilt dieser Veränderung, die sich nur aus der Chronik der Familie erklären lässt; denn Vater O;Brian regiert mit harter Erziehungshand. Fast bekommt man den Eindruck, als ob sich hier die eigentliche Tragödie Bahn bricht: Die Schuld des Vaters an dem Tod des Sohnes. Der OFF-Sprecher lässt den älteren Bruder Jack (Sean Penn) die weitere Geschichte erzählen, damit die ganze Tragweite des Zerfalls einer bürgerlichen Familie zum Vorschein kommt.

„The Tree of Life“ handelt von einer Mittelschicht-Familie. Die Geschichte, die Malick erzählt, ist trostlos, mörderisch. Es ist die Schilderung jenes Mechanismus, der in die innere Logik des Geschehens einmündet: Das Leben wird zur Hölle werden. Auf großartige Weise sind die Bilder so beklemmend, dass sie schon zur Selbstanklage werden. Und weil die bürgerliche Gesellschaft sich der stetigen Hilfe anderer verweigert, wird das eigene Handeln zum Trauma so dass man selbst für sich keinerlei Sympathie mehr aufbringt.

Hier beginnt der eigentliche philosophische Blick Malicks. Schnell verlässt er den Boden. Und versucht sich an dem Sinn von Sein. Dieses „Sein“, bei ihm ein Transzendentes, beschreibt einen Kreis, eine Welt, die einen Ausgangs- und einen Endpunkt hat und in der stets, durch den Off-Sprecher erklärend hinzugefügt, Gott den Zeithorizont allen Seinsverständnisses bildet. Wir sind nur die Rückseite dieser Welt (Natur). Unser Dasein ist zeitlich begrenzt. Und wir leben im Nur-noch-verweilen, wie die texanische Familie.

Wie schon Martin Heidegger meinte, gibt es kein Seiendes ohne Sein, oder besser: „Das Seiende in der Welt sind die Menschen, die Dinge, Naturdinge“ (Heidegger), die uns umgeben. Und das Phänomen dieser Welt rahmt er in jene Familie ein, die nun fortan zum „Big Bang“ wird. Der „Urknall“ wird zum konstitutiven Moment für Malicks ontologische Bestimmung der Weltendinge. Was ihr (der Familie) widerfährt, ist der Schauplatz seiner existenzialen Weltenaussage: Wir sind nur Marionetten, die an Fäden gezogen werden, kosmisch gelenkt, „geworfen“ (Heidegger), der Sinn des neutestamentlichen „Logos“: Und das Wort (Natur) wurde zu Gott. Der Tod des Sohnes der Familie O;Brian ist somit von ontologischer Herkunft- die alltägliche Seinsart dokumentiert sich im Phänomen dieser Zerfalls.

Damit der Zuschauer sich an dieses Martyrium gewöhnen kann, an den „Beweis“ dieser Existenzialität von Dasein, von Verschmelzung zwischen Schöpfungsmythos mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, führt Marlick seinen Weltenbegriff ein, eine lange Odyssee des göttlichen „Proton Kinun“ (erster Bewegender). Er zeigt fortan grandiose Bilder, filmisch auf den Höhepunkt der Zeit, atemberaubend, betörend und berauschend, himmlische Wolkengebilde, feuerspeiende Lava, geißelndes Sonnenlicht, flammende Farben, und in die Tiefe stürzende Wassermassen.

Doch die Urgeschichte dieser Zeit, die Abläufe der Naturspektakel, der Schöpfungsakt (Einzeller, Mehrzeller, Saurier, der Mensch und der Schoß aus dem alles kroch), Werden und Vergehen, mündet in eine seltsame Verbrämung ein: Das Leben ist „verlustig gegangenes Unlebendiges“ (Heidegger). Der Mensch und seine Moral durchlebt stets das Dasein seiner ständigen „Unganzheit“ (Heidegger)- eine mehr als krude Metaphysik. Der Tod des Sohnes ist also unabänderlich gewesen, alles was geschieht, obliegt der Gnade des verdeckten Schattens, der Gnade Gottes. Und die geschuldete Summe unserer Taten werden am Ende des Lebens aufgerechnet: Welch eine Moral? Eine Moral die als Ganzes in den Tod übergeht.

Dieser Gott Malicks ist ein Rachegott, ein Gott aus der Retorte, ein Naturgott der Leben gibt und Leben nimmt- wie den Jungen im Schwimmbad. Man darf auch schon mal Schwächen zeigen, aber auch Stärke- niemals aufgeben. Und doch holt er sich seine Opfer, wie er will. Malick erhebt ihn über alle ethischen Grenzen hinweg, indem er ihn als eine scheinbar allmächtige Figur etabliert. Das immer Schuldig-sein ist Teil seines Schöpfungsaktes, wie die Vergebung und die Erlösung.

Wann was richtig ist, weiß dieser Gott nur alleine. Somit sind auch unsere Taten, unser Handeln in der Welt vorherbestimmt. Das Leid ist Teil seines Schöpfungsaktes. Aber es gibt bei Malick keine Liebe. Wenn nur immer das Sein sich zum Tode gründet, was hätte der Mensch dann in dieser Welt noch verloren? Der transzendente-mythologische Gott Malicks ist einer, der offenbar seinen eigenen Horizont überschreitet. Wenn Malick meint, dass der Weg des Lebens nur über den Tod, über das Leid, über Grausigkeiten, über Opfer, Seelenqualen, Traurigkeit und stetigen Kettenreaktionen des Verfalls führt, dann sind das jene seltsamen Verirrungen, die dem modernen Empfinden und einer ethischen Orientierung völlig fremd sind.

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 18. JUNI 2011.

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