21
HANS IM GLÜCK?
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 13. APRIL 2008.
Black-Jack ist wieder in aller Munde. Es wird gezockt und abgegriffen. Manche spielen mit System und sind dabei reich geworden, andere arm, manche bleiben „Spielernaturen" ihr Leben lang, und manchen gelingt es, den Teufelskreis der Abhängigkeit hinter sich zu lassen. Wer alles gewinnt, kann zum König der Waren werden. Und weil das so ist, werden für den Spieler selbst wertlose Steine zu Goldklumpen, die er meint, setzen zu können, obwohl alles nur Fiktion ist. Wer das begriffen hat, wird nie ins Uferlose fallen.
„21" (Regie: Robert Luketic) ist ein Film über das Gewinnstreben, über die Gewinnsucht, ein Film, der die Neigung in den Mittelpunkt stellt, ein Film der den Eindruck hinterlässt, dass mit mathematischer Wahrscheinlichkeit ein Casino ausgenommen werden kann, ein Film, der gelangweilten Newcomern eine Chance gibt, sich in Las Vegas zu behaupten, ein Film über einen Professor (Kevin Speace), der seine Schützlinge zum Casino-Deal anleitet. Das alles ist mit einer Liebesgeschichte verknüpft. Und hübsch verpackt.
Mit der Verdopplung der Dinge in der Geldform mag das vorgestellte Konzept, rein objektiv betrachtet, hier und da durchaus funktionieren, obwohl das sog. „Zählen" der Karten Blödsinn ist. Ob es dazu noch blind wirkt, wie es der Film suggeriert, ist ebenfalls ausgeschlossen. Jedenfalls ist erstaunlich, dass wider die rationale Vernunft ein Spiel(er)mythos neu belebt wird, der suggeriert, dass „Hans im Glück" jede/r werden könnte, wenn er denn dem Spieltisch ein Schnippchen schlägt.
Es ist das alte Elend, zu meinen, dass man sich mit Selbstzufriedenheit und Hybris schnelles Glück erkaufen kann. Man kann versessen auf jene Sucht sein, die die Reize des Glücksspiels mit sich bringen. Darin liegt auch seine Vergänglichkeit. Das Diktat des Glücksspiels ist das Nichts resp. es endet im Nichts. Und letztlich wird noch nicht einmal ein einziges Bedürfnis gestillt. Es sein denn, man betrachtet die Sucht bereits als Bedürfnis.
Der Spieler wird nicht am Ende befreit. Das ist die unbarmherzige Logik dieses obskuren Tagesgeschäfts: Seele gegen Spieltisch. Dass Spieler vereinsamen und nur noch ein psychisches Wrack sind, dürfte bekannt sein. Dass der Zwang, die Kugel rollen zu sehen, sie in die „tiefste Qual" stürzt, dass sie unauflöslich mit dem rückwärtsgewandten „Tauschgeschäft" verbindet, vermag der Film nicht zu reflektieren.
Überhaupt sieht man keinen Film über eine Spielernatur. Er ist nur ein aufgemotzter Reißer, der ein unverständliches Kauderwelsch über das Betriebssystem Casino vorlegt. Der Ansatz von „21" mag gut gewählt sein, doch die Differenz zwischen dem vermeintlichen Glückssiegeszug und der Realität, geht im Hollywoodmainstream unter. „21" setzt auf reine Äußerlichkeiten, die auch dann nicht überwunden werden, wenn der Film beginnt, sich den verschiedenen Charakteren zuzuwenden. Er ist nun mal Selbstverwertung, die nicht über das profane Denken des Konkurrententums hinausgeht.
Ben (Jim Sturgess) besitzt nicht die Fähigkeiten, die Partituren eines Spielers zu lesen und sie zu füllen. Auch wenn er tief fällt, wieder aufsteht und seinen Weg nach oben fortsetzt, bleibt hier alles gekünstelt. Alle Angebote, alle Eindrücke und alle Events laufen auf das Abgerichtet sein unter den Bedingungen des Kasinokapitalismus hinaus. Selbst wenn Ben massenweise das Geld ausgeht und er kopfüber nach vorne fällt, bleibt sein Geld geformtes Denken erhalten. Ob Börse oder Casino, ob Papier- oder Hartgeld: Geld bleibt das „vergessene Brot", das als Nahrung oder Brennstoff stets weitergeben wird. Was andere einmal verbrannt und verdaut haben, kommt wieder. Und am Ende sieht man Bens Freunde selbst am Spieltisch. Und sei es nur in der Form der (abstrakten) Negation der Negation. |