RAPUNZEL - NEU VERFÖHNT
VON TIEFENPSYCHOLOGISCHER BEDEUTUNG?
In „Mother” beklagt John Lennon den Mutterverlust: “Mother, you had me but I never had you”. Als Kind mag man das nicht verkraften. Es kann zum Fluch werden, stets alleine zu sein und eine „glückliche Kindheit“ niemals genießen zu können. Das kann verständlich machen, warum eines Tages- im Erwachsenenalter-die längst entschwundene Vergangenheit vergegenwärtigt erscheint. Phantasien über eine abwesende Mutter zu entwickeln, sind deshalb möglicherweise angebracht, zumal eine Stiefmutter kaum die leibliche ersetzen kann. Die Abgeschlossenheit der Räume, in denen man sich während der Kindheit aufzuhalten pflegt, könnten nicht nur in die Isolation, sondern vielmehr in die berühmte „Existenzangst“ einmünden, wenn man sich nach Sartre mit der unausweichlichen Freiheit konfrontiert sieht, die gleichermaßen zu einem Stück der frei gewordenen Individualität werden kann, wenn sie sich vor der Notwendigkeit sieht, in die Welt zu gehen.
„Rapunzel“ ist von zwanghafter Grübelei und Zauderei. Eingesperrt im Turm, sehnt es sich nach dem tatsächlichen Erleben (die „Laternen zu sehen“) und der sich fortwährend verändernden Welt. Doch diese ist abhängig von der derzeitigen Realität, die nur in „I couldn;t walk and I tried to run“ (Lennon) besteht.
„Rapunzel“ will für das Heute leben „gehen und laufen“ lernen, damit es eines Tages aus ihrem Schlaf, dem Unterbewusstsein, erweckt wird. Und die Einbildungskraft in ihrem Träumen zwingt es dazu, die Stiefmutter stets zu beknien: Sie möge ihr die existente Welt zeigen. Frau Gothel lehnt das kategorisch ab. Sie, die einst „Rapunzel“ stahl und die durch ihre Haar „ewige Schönheit“ und „ewiges Leben“ erlangte, ist eine egoistische Frau, deren Lebensträume selbst unerfüllt bleiben. Auch Frau Gothel ist eingesperrt. Im Gegensatz zu „Rapunzel“ kann sie sich aber stets befreien und den Turm wieder hinaufklettern („Rapunzel, lass Dein Haar herunter“).
Der hohe Turm, der im Verborgenen liegt, steht in Beziehung mit den Ereignissen der Vergangenheit. Während „Rapunzel“ sich nach ihren leiblichen Eltern sehnt, unterliegt Frau Gothel der klassischen Selbsttäuschung. Sie fühlt sich „frei“, wenn sie ihren „klassischen Arbeitsplatz“, den Turm, verlassen kann. Beide befinden sich zunehmend in einem Abnabelungszustand: Frau Gothel weiß, dass Rapunzels Haar der Schlüssel für ihre „ewige Schönheit“ ist, „Rapunzel“ indes wird auf den Retter insistieren, der in Gestalt von Flynn Rider auch bald auftauchen wird. Damit werden die Verhältnisse umgekehrt; denn nun hat die Demütigung bald ein Ende. Die Freiheit naht für „Rapunzel“. Und auch ihre Prüderie ist von einer Sekunde auf die andere dahin. Sie, die ihren Prinzen küssen darf, besetzt nun ihre soziale Rolle als Frau. Sie wird die „Laternen sehen“, die ihre Eltern für sie Jahr für Jahr an ihrem Geburtstag aufsteigen lassen. Und sie wird ihnen glücklich in die Arme fallen.
Ihre Emanzipation macht das möglich. Doch: Frau Gothel, die nun weiß, dass wenn sie nicht in ihrem Sinne „richtig“ handelt, trachtet Flynn nach dem Leben. Sie muss unter allen Umständen Rapunzels Haar bewahren. Wenn nicht, wird sie zu Asche und Staub zerfallen. Ihr optimistischer Glaube an die bislang praktizierte Seinsweise, wird jäh beendet, als „Rapunzel“ ihr Haar verliert. Die „Existenzangst“ wird nun durch die „Todesangst“ ersetzt. in der Tat: Frau Gothel altert im Nu und stürzt vom Turm. Und ihre karge Existenz als Zauberin ist dahin. Und wenn sie nicht gestorben sind...
„Rapunzel-Neu verföhnt“ (Regie: Byron Howard) ist der 50. Disney-Film. Er hat mit Grimms Märchen nichts zu tun. Die kulturellen Entwicklungstrends im Film, wovon „Rapunzel“ ein Beispiel ist, zeigen den (er-)nüchternden Umgang mit diesem Medium an. Man mag sich täuschen: Auch für den Film gilt: Ein Märchen zu erzählen ist einfacher, als die Wahrheit zu sagen und sich selbst dabei anzusehen. Märchen sind Illusionen. Sie hinterlassen das zwiespältige Gefühl, sich als irreführend zu erweisen und die individuelle Wahrnehmung der Realität auszuschalten. So bleibt Disneys 50. Film irgendwie ohne Bedeutungstiefe, es sei denn man versucht dem Märchen den eigenen Stempel aufzudrücken
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 10. Dezember 2010. |