1968 TUNNEL RATS
BOLLS VIETNAM - ANACHRONISTISCH
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 7. JUNI 2009.
Wir schreiben das Jahr 2009. Der Vietnamkrieg wurde mit der Einnahme Saigons am 30. April 1975 durch nordvietnamesische Truppen beendet und hatte die Wiedervereinigung des Landes zur Folge. Seit dieser Zeit gibt es eine filmische Aufarbeitung des Krieges. Von den vielen Vietnamfilmen, die seit dieser Zeit entstanden sind, seien genannt: „The Green Berets” (Regie: John Wayne, 1967); „Coming Home” (Regie: Hal Ashby, 1977); „Deer Hunter” (Regie: Michael Cimini, 1978); „Apocalypse Now” (Regie: Francis Ford Coppola, 1979); „The Killing Fields” (Regie: Roland Joffe, 1984); „Platoon” (Regie: Oliver Stone, 1986); „Gardens of Stone” (Regie: Francis Ford Coppola, 1986); „Dschungelratten II” (Regie: Chris Hannah, 1987); „Full Metal Jacket” (Regie: Stanley Kubrick, 1987); „Hamburger Hill” (Regie: John Irvin, 1987); „Good Morning Vietnam” (Regie: Barry Levinson, 1987); „The Hanoi Hilton” (Regie: Lionel Chetwynd, 1987); „Bye Bye Vietnam” (Regie: Ignazio Dolis, 1988); „Born on the Fourth of July” (Regie: Oliver Stone, 1989); „Heaven & Earth” (Regie: Oliver Stone, 1993); „Escape to Nowhere - Platoon to Hell” (Regie: Irvin Johnson, 1995), „Tigerland” (Regie: Joel Schumacher, 2000). Der bisher wohl definitiv letzte Vietnamfilm dürfte „We Were Soldiers" (Regie: Randall Wallace, 2002) gewesen sein. Filme, die sich im weitesten Sinne mit Vietnam (einschließlich Doku.-Filme) beschäftigt haben, sind auf www. srufaculty.sru.edu/derrick.pitard/Vietnamfilms) aufgelistet. Danach soll es über 500 geben.
In den 1980ger Jahren hatte der Vietnamfilm wohl seine Blüte erreicht. Fast die Hälfte aller Vietnamfilme dürfte in dieser Zeit entstanden sein, was mit der Beendigung des Kriegs in Zusammenhang gebracht werden könnte. Der Vietnamfilm als solcher holte das zurück, was auf dem Schlachtfeld verloren ging: Die hehren Helden, verratenen Ideale, den verloren gegangenen Patriotismus, den zerborstenen amerikanischen Traum. Die kritischen Stimmen über Vietnam waren vor allem in „The Deer Hunter“, „Apocalypse Now“ und „The Killing Fields“ zu hören. Hier wurde mit Hollywood und seinen Lügen abgerechnet. Der verloren gegangene Sieg endete in einem Trauma sondergleichen. Die „Wahrheit“ über Vietnam war noch nie präsenter gemacht worden als in diesen Filmen.
Vietnam ist im Bildergedächtnis des Zuschauers haften geblieben. An die, die schonungslos waren, dürfte er sich erinnert haben. Ob der Krieg in diesen Filmen allgemein geächtet worden war, muss offen bleiben; denn Hollywood feuert(e) weiter aus allen Rohren. Vietnam wurde zu einem gewohnten Schauplatz, das wie Westernstädte scheinbar aus dem Boden gestampft wurde. Wurde Vietnam zu einer „Liebeserklärungen“ ans Militär? Morgen wird der Vietcong angreifen! Morgen beginnt der Krieg neu! Doch der Krieg ist vorbei. Oder holt uns die Zeit wieder ein?
Ein Hubschrauber fliegt über den Mekong. Zager & Evans singen „In the Year 2525“. Eine Hommage an „Apocalypse Now“? Einige Augenblicke später wird ein Vietcong gehängt. So beginnt „1968 - Tunnel Rats“ (Regie: Uwe Boll, 2008). Ein amerikanischer Soldat und eine vietnamesische Mutter versuchen gemeinsam einen verschütteten Tunnel frei zu graben. Das Licht wird erlöschen. „Tunnel Rats“ - Bolls Vietnam! Kurz gesagt: Der Anachronismus bricht sich Bahn. Es gibt keine Wiederholung dessen, was in allen Vietnamfilmen schon zu sehen war. Es sei denn, man hat als Regisseur eine andere Intention. Und diese kann bei Boll nur sein: Sein Image nach den Reinfällen in den letzten Jahren (vgl. auch „Far Cry“, 1986) aufzupolieren.
Damit sollte der Film schon zu den Akten gelegt werden. So wie sich die Blutleere des Films darstellt, so agieren auch die im Wesentlichen unbekannten Darsteller, die sich daran machen, das verzweigte Tunnelsystem des Vietcong auszuheben. Was es war, will der Film natürlich nicht wissen. Es hat hier den Anschein, als ob der Vietnamkrieg sich ausschließlich hier unten abgespielt hatte. Mehr als 2/3 des Films spielen in den unterirdischen Systemen. Und Boll legt es nur darauf an, die unappetitlichen Szenen wie auf einem Tablett herumzureichen. Vom Widerstand des Vietcong, der seine Tunnel, die bis zu 250 km lang waren, zu reinen Festungen ausbaute, erfährt man nichts. Primär für Boll scheint der Kinotod zu sein, der sich nun in einem wahren Anflug der Action (der Vietcong stürmt das Lager der Army) entlädt.
Eine Handlung hat vor diesem Hintergrund der Film nicht. Er ist eine Reise zurück in die 1980ger Jahre, wo das Bild regierte, nicht das Wort über Vietnam. Boll erfindet neue Bilder für einen alten Krieg. Seine Bilder mit sind Blindheit übersät. Boll ist bei John Wayne stehen geblieben. Gäbe es ein Filmmuseum über Vietnam, so gehört „Tunnel Rats“ dort hinein. Eigentlich ist er ein alter Söldnerfilm, wo der Zuschauer nur darauf wartet, dass die Schauplätze schön morbide sind, und wo Vietnam-Impressionen, Scharmützel und Leuchtfeuer zu sehen sind.
Die US-Einheit wird aufgerieben. Die angeforderten Bomber werfen ihre Ladung ab. Das Ende ist wie der Anfang. Ein GI und eine Vietnamesin versuchen verzweifelt den Tunnel frei zu bekommen. Bolls amerikanische Soldaten stolpern über die Armee der Schatten im Tunnel. „Tunnel Rats“ ist nicht nur ärgerlich, sondern überflüssig wie ein Kropf. Und gibt es eine Botschaft? Der Krieg geht weiter. Demnächst in diesem Kino.
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