INCEPTION
IN DEN TRAUMWELTEN
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 29. JULI 2010.
Seit Sigmund Freuds „Traumdeutung“ (1900) haben sich Generationen von Psychologen, Psychoanalytikern und Psychiatern mit den Tiefen des Unterbewusstseins beschäftigt und versucht, sie auf reale Fakten zurückzuführen. Und ständig gibt es neue Ergebnisse, die darauf verweisen, dass dieses Labyrinth noch längst nicht erforscht ist.
Im Film kann man locker damit umgehen. Träume sind hier Schäume. Und so verwundert es nicht, dass man in „Inception“ (Regie: Christopher Nolan) in eine Welt der Träume gerät, in der alles anders ist, oder besser: In der man vergessen sollte, was man bisher über sie weiß.
Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) jedenfalls liebt es, seine Rituale in den Träumen zu praktizieren. Er ist dazu in der Lage, sich in die Träume anderer Menschen hineinzuversetzen, mit dem Ergebnis, ihnen seinen Willen aufzuzwingen und ihnen Geheimnisse zu entreißen. Cobb ist Geschäftsmann und versucht unter dem Deckmantel von eingepflanzten Ideen in andere Menschen, seinen kriminellen Energien zum Erfolg zu verhelfen.
Auf den Zuschauer kommt nun Schwerstarbeit zu. Cobbs Frau hat sich offenbar selbst umgebracht. Mit der Realität kann er nur noch wenig anfangen. Saito (Ken Watanabe), schlägt ihm vor, es mit der „Inception“ zu versuchen, um in Fremde Gedankengut zu platzieren. Dadurch soll in die untersten Schichten des Unterbewussten eingedrungen werden. Das Ziel dabei ist es, Robert Fischer (Cillian Murphy) dazu zu bringen, das Geschäftsimperium seines Vaters zu zerschlagen.
Aber das ist nicht alles. Nolan entwickelt nun über 60 Minuten lang die Regeln dieses Traumspiels mit allem, was dazu gehört. Da erfährt man, wie man in die Schichten des Unterbewussten eindringt, was dort vorgeht, wie man sie mit der Realität verknüpfen kann, was die Folgen sind und wie man wieder herausfindet. Das ist alles mehr als kompliziert. Und die Regeln sind alles andere als leicht zu verstehen.
Und es wird noch komplizierter: Cobb heuert ein Team an, dass einen Raubüberfall plant und in eine unterirdische Bank eindringt. Aber sie ist nicht einfach bewacht: Hier gibt es Traumwächter, Kontrolleure und Einschlaf-Cocktails, die jeden Schritt überwachen und im Umfeld der Träume agieren. Was nun folgt, ist der Anstoß zu Nolans Traumbildern. In der Tat sind diese von überragender Bedeutung.
Man sieht wie Straßen sich um 360 Grad verdrehen und emporheben, wie sich Linoleum aufrollt und der Autoverkehr nun am Himmel stattfindet. Zebrastreifen geht man einfach der Länge nach gen Himmel und das Abtauchen in die vielen Traumwelten mit schwebenden Menschen und Autos, setzt die irritierenden Darstellungen fort.
Wer am Ende dieses Puzzlespiels den Überblick nicht verloren hat, der kann sich mit Recht als „Traumdeuter“ verstehen. Die ganze Unternehmung Nolans ist nicht von dieser Filmwelt. Wo man Ende steht, weiß man selbst nicht, auch nicht, wo man sich hier eigentlich befindet- in der Realzeit, in der Traumzeit, oder irgendwo dazwischen? Ob der Altmeister der Traumdeutung, Freund, an diesem Film seine Freude gehabt hätte?
Mit Sicherheit wird der Film überschätzt. Nolans Kunststück hat natürlich nichts mit der Realität zu tun. Und schon gar nichts mit einer Analyse von Träumen. Dass Nolan dann der Action in „Inception“ einen breiten Rahmen einräumt, sind dann eher Hinweise darauf, dass der Schein trügt und dass der schöne Schein obsiegt. |