2046
ERGREIFEND
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 5. AUGUST 2007.
Der Film ist wie ein „Frühlingserwachen“ (Frank Wedekind): Er handelt von Schuldgefühlen, Sehnsüchten, Leid, Träumen, Visionen, Erinnerungen, schicksalhaften Einschlägen, Vereinsamung und Düsterkeit. „2046“ bietet alles was das Leben ausmacht.
Der Schriftsteller Chow Mo-wan (Tony Leung Chiu Wai) flüchtet sich in eine illusionäre Welt, er träumt von der Unvergänglichkeit, von den Erinnerungen an eine Liebe, die er einst in einem Hotelzimmer in Honkong 1966 traf. Er versucht, sich erneut dort einzuquartieren, landet aber im angrenzenden Zimmer 2047. Der Raum, der für ihn der Beginn einer außerordentlichen Liaison bedeutete, bleibt ihm verschlossen.
Wong Kar Wais Werk (2005) ist ein seltenes Filmstück. Während andere Filme im Strudel der Erinnerungen zerfließen, bietet er die grundsätzliche Auseinandersetzung mit vergangenen Liebesaffären an. „2046“ ist ein Film über die Liebe vom blutjungen Anfang bis zum trostlosen Ende, und wenn man so will, von der unheilvollen Begegnung mit ihr; denn hier sieht man inmitten der Köpfe der Liebenden hinein. Und es offenbart sich die ganze Dramatik der Selbstzerstörung der stets auf wackligem Boden stehenden Liebe.
Während die Melancholie die Geschichte verdichtet, beschreitet der Film die entscheidenden Schritte der Protagonisten, den schonungslosen und glasklaren taumelnden Lebensweg: Von der Zeitlichkeit aller Dinge, von der Befragung des eigenen Selbst. Die äußeren Lebensumstände der Figuren weichen mehr und mehr, die Inszenierung verzichtet weitgehend auf das Ensemble der Welt. Der Film führt uns in die Nöte des Sich-Verlieben, die sich aus Geschichten und Erinnerungen nährt. Und gewährt uns Einblicke in das sinnliche Erleben.
Abends weinen wir, zweifelnd begehen wir die neuen Tage. So rückt die Vereinsamung von Chow und Bai Ling, die Trost in der Herzenswärme suchen, als Erinnerungsfragment ins Bewusstsein. „Du kannst 2046 nie verlassen“ bedeutet: Du kannst einem Ort nie entkommen, der Dich einst gefangen nahm. „Niemand kann je zurück!“ Außer denen, die sich dort aufhielten. Indem diese traumverstrickten Wirren ins Zentrum des Daseins vorstoßen, führt uns die Inszenierung durch Zeiten und Ideen, durch Vorstellungen, Fantasien, Parallelwelten, Tagträume und Realitäten.
Alle Erinnerungen, die sich hier auftun, sind gleichsam in einem Kokon verstrickt. Bis er wieder aufgelöst, zerschlagen und ad absurdum geführt wird. Alles beginnt wieder von vorne. Die Liebe besteht aus Episoden, die sich im Leben ergeben. Der Rückgriff von Kar-Wai auf jene episodenhaften Abläufe, erweist sich als außerordentlich gelungen. Die Flüchtigkeit jeder Liebschaft lebt von der Erinnerung, der aufkeimenden Isolierung der Gehörnten, die sich mit jedem neuen Kick tiefer und tiefer verstricken. Liebe ist nun mal ein fremder Hafen, den jedes Schiff ohne Navigation nicht anlaufen kann. Das Klopfen Chows an die Zimmertür ist im übertragenen Sinne mit jener Suche zu vergleichen, die gleichermaßen den Urzustand wiederherzustellen gedenkt: Die Rückkehr ins mütterliche Geborgensein, wo alle Zuwendungen auf einmal möglich waren.
In „2046“ sieht man sich selbst ständig neu. Und anders. Liebende nehmen wie Chow den Zug. Der Zug heißt „2046“. Und fährt mit rasendem Tempo ohne Stillstand durch die sich öffnenden Zeitfenster ins Reich der Erinnerungen und deren Rückführung. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen auf einmal zu einem unzertrennlichen Ganzen. Obwohl sie voneinander isoliert sind, besteht das verbindende Band der Liebenden in der Frage: Warum kann es nicht so sein, wie es früher war? Der Abschied von Chow und Bai Ling berührt bis in die Haarspitzen. Es ist ein Abschied für immer. Niemals wieder wird man sich sehen. Das ist das reine Unglück ohne Schnörkel in Szene gesetzt.
„2046“ ist ein innerer Raum, der aus Chaos besteht, aus Düsterkeit und herzzerreißenden und zersetzenden Verlusterfahrungen. Während die neurotischen Folgen der Liebe sich ins Unterbewusstsein eingraben, wird der Raum in seine Einzelteile zerlegt. Mit ihm zerfällt auch die Liebe. Die unerreichbare Stadt, in der alles anders sein soll, wird nie erreicht werden. Die Vorhölle, die Leere, die immer gleichen Emotionen und deren Wendungen gipfeln in Phantasien, die nicht eingelöst werden können.
Spätestens hier setzt sich der Zug abermals in Bewegung. Die Zeit bleibt nun mal nicht stehen. Die Sehnsucht nach der Unkompliziertheit der Liebe ist ein Fall für die Ewigkeit. Der Zug rollt an. Und mit ihm bleibt: „Der Vorhang auf und alle Fragen offen!“ |