THE TOURIST
ZU GLAMOURÖS
Sie ist bekannt, begehrt und schön. Bei ihren Auftritten zelebriert sie ihre mondänen Auftritte, schulterfrei, versteht sich. Wenn sie in die Kamera blickt, dann liegt ein Hauch von Nostalgie über allem. Das erinnert an Audrey Hepburn, Sophia Loren und vielen anderen Filmstars, die sich verhüllten, enthüllten oder nur züchtig wirkten. Dennoch können ihre Gesten wie unvollendete Gemälde sein, ihre Gesichtsausdrücke sich in einem Taumel von Sehnsucht über die Räume und Zeiten hinwegsetzen. In diesem Spiel wirkt Angelina Jolie selbst bei unechten Geschichten wie ein lebendiges Abbild der vergangenen Stars, die hier auf sympathische Weise wieder allgegenwärtig werden können.
„The Tourist“ (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck) ist ein Verwirrspiel mit Angelina Jolie (als Elise) und Johnny Depp (als Frank). Vieles kommt einem bekannt vor. In „Nur die Sonne war Zeuge“ (Regie: Clement, 1960) mit Alain Delon und Romy Schneider, wird eine fast ähnliche Geschichte erzählt, die sich hier allerdings um einen Mord rankt. Und in: „Fluchtpunkt Nizza“ (Jerome Salle, 2005), geht es auch darum, die Verfolger zu täuschen und sich in einen Fremden hineinzuversetzen.
Was „The Tourist“ von „Nur die Sonne war Zeuge“ und „Fluchtpunkt Nizza“ unterscheidet, ist die Oberfläche. Eigentlich besteht der Film nur daraus. Deshalb kann hier Angelina Jolie mit Kleidern, Gesten und auf Bällen, auch Rituale einer entschwundenen Zeit präsentieren. Johnny Depp scheint nur Füllsel zu sein. Alles rankt sich um die schöne Handlungsreisende, die Frank schon beim ersten Gespräch im Zug nach Venedig um den Finger gewickelt hat.
Die Handlungsorte des Films, gespielt in einer Handvoll Stoff, sind wie die beiden Hauptdarsteller: Ästhetische Standbilder! Sollte der Film dennoch als Liebesaffäre interpretiert werden, dann ist er kitschig und kalt. Der Mathe-Lehrer Frank, der als Tourist nach Venedig unterwegs ist, ist dennoch Elise verfallen. Sie lädt ihn in ihr Hotel ein. Oder müsste man sagen: Ballhaus? Dort küsst sie ihn. Und er darf auf dem Sofa übernachten, was dieser als Affront interpretieren mag. Nur einmal lässt Elise ihr Kleid fallen. Doch diese Bewegungen signalisieren nichts. Von nun an sind beide die Gejagten. Der Tourist Frank taumelt nun ständig zwischen Interpol, Rosensträußen, Theaterabende und dem Gangster Reginald Shaw (Steven Berkoff) hin- und her.
Man hält Frank für den gesuchten Alexander Pearce, der Shaw 2,3 Milliarden Dollar schuldet. Und dem britischen Fiskus 744 Millionen Pfund. Von Pearce indes scheint wenig bekannt zu sein. Daher ist jeder Mann, der mit Elise Kontakt hat, von vornherein verdächtig. So wird nun Jagd die beiden gemacht. Meistens findet diese in den Kanälen von Venedig statt. Immer vorne weg: Elise! Hier scheint sie im Gesicht eine Tapete zu haben. Es ist nichts Aufregendes mehr zu erkennen. Sollte hier der „Drei-Wetter Taft“ seine Geburtsstunde erlebt haben?
Jolies Frisur sitzt immer, selbst dann, wenn sie mit ihrem Boot Speed fährt. Und auch ihre Kleidung darf im Getümmel nicht zerknittern. Alles erscheint nun dem Oberflächenreiz und dem Glamourösen geopfert zu werden. Selbst das Make-up von Jolie ist stets perfekt aufgetragen. Nature morte!
Zunehmend erweist sich der Film als Fassade, als eine Lappalie des Immer Gleichen. Dort, wo die Jolie auftritt, heben sich nun mal die Köpfe auf den Rängen und im Parkett. Noch ehe die Darstellung zu Ende geht, erweisen sich die Worte von Delon aus „Nur die Sonne war Zeuge“: „Irgendwann ist jeder mal einsam in dieser Stadt“, als richtungsweisend für den Film. Er lebt nur von der Stadt, von Venedig, die auch vom Fernsehbild nicht schlechter wiedergespiegelt werden kann.
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 17. DEZEMBER 2010.
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