JUD SÜSS
DURCHGEFALLEN
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 12. OKTOBER 2010.
In „Jud Süss - Film ohne Gewissen“ (Regie: Oskar Roehler) wird die Entstehung eines Films erzählt, der den Nazis als Propagandafilm dienen sollte. Der Film mit Tobias Moretti (als Ferdinand Marian) und Moritz Bleibtreu (als Joseph Goebbels), den beiden tragenden Säulen des Films, reiht sich in jenes Kino ein, das die Nazi-Vergangenheit zum Thema hat. Es war Oliver Hirschbiegel, der Hitler in seinen letzten Stunden im Führerbunker zeigte („Der Untergang“, 2004), es war Quentin Tarantino, der die Stirn hatte, ihn in einem Pariser Kino in die Luft zu sprengen („Inglourious Basterds“, 2009) und es war Dani Levy, der meinte sich mit einer Geschichtsfälschung dem Thema nähern zu können („Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“, 2007).
Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich der historischen Wirklichkeit nicht annähern, sie verharmlosen und die Opfer lächerlich machen. Es ist in der Zwischenzeit so, dass der mediale Zirkus alles aus seiner Schatztruhe herausholt, was irgendwie nach Verwertbarkeit riecht. Die Darstellungen über Hitler, vor allem ihn wieder lebendig werden zu lassen, entlarven das Hitler-System nicht, sondern verklären es mit schöner Regelmäßigkeit oder erklären es einfach für „verrückt“.
Ein weiterer Film reiht sich nun in diese Blüten ein: „Jud Süss“, jener Film der meint, sich der Nazi-Vergangenheit stellen zu müssen. Die Entstehungsgeschichte dieses antisemitischen Propagandafilms der Nazis, soll deren „gefährliche Verführungskraft“ zeigen. Er knüpft an die Vorlage von Veit Harlans „Jud Süss“ (1939/40) an, die er auf Geheiß Hitlers verfilmte. Es geht um den jüdischen Kaufmann Joseph Süß Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert Finanzberater des Herzogs war, später aber am Galgen endete. Der Film steht bis heute auf dem Index. Zunächst verzichtet Roehler auf irgendwelche Originalszenen, was schon sehr merkwürdig ist. Zudem nimmt er es mit der Geschichtsschreibung nicht genau. So war etwa Marians Frau Katholikin, keine Halbjüdin. Roehler selbst, der sich dabei sicherlich auf die Freiheiten eines Regisseurs berufen dürfte, wird darauf pfeifen.
Sehr ärgerlich wird es allerding dann, wenn Marian zum unfreiwilliges Opfer wird, zu einem erpressbaren Menschen, der der Propaganda-Hysterie unterliegt. Die Bearbeitung Roehles von „Jud Süss“ gleicht daher eher einer kruden moralischen Bewertung, bei der die Authentizität auf der Strecke bleibt und sich als Melange aus Fiktion, Kolportage und Gewissenskonflikten zu einer Vielzahl von Ungereimtheiten transformiert.
Eine solche wäre etwa Moritz Bleibtreu als zappeliger Nazi-Suppenkasper. Eine solche Karikatur Goebbels dürfte man im Kino noch nicht gesehen haben. Dem „Partyhengst“ mangels es sozusagen an allem, was überhaupt wichtig wäre. Dass es immer wieder Regisseure gibt, die Bleibtreu hofieren, kann man nicht verstehen. Er war ja schon im „Baader-Meinhof Komplex“ als Baader eine Schießbudenfigur. Wenn jetzt noch ein sensibles Thema mit einem Schauspieler besetzt wird, der vorn und hinten nicht weiß, was und wen er überhaupt spielt, dann sollte die Filmklappe fallen.
„Jud Süss“ bleibt nicht in der Erinnerung. Und das ist gut so. Meistens treten die Charaktere, die der Film zu bieten hat, dermaßen undifferenziert auf, dass die Brüche offensichtlich sind. Etwa: Martina Gedeck, die sich im Bombenhagel vor einem offenen Fenster penetrieren lässt, oder Armin Rohde mit seinen Judenwitzen. Hier bleibt alles matt und bar jeder historischen Geschichtsschreibung. Dieser Film ist ein Beispiel für ein reißerisches Kino über die Nazi-Diktatur. Und er sollte schnell vergessen werden.
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