WIR SIND DIE NACHT
BERLIN BEI NACHT: WER HAT SICH DIESE STADT BLOSS AUSGEDACHT
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 2. NOVEMBER 2010.
Man hat es fast geahnt: „Twilight“ findet in „Wir sind die Nacht“ (Regie: Dennis Gansel) eine deutsche Entsprechung. Dabei scheint es sich sogar für Deutschland vermutlich um eine Genre-Erstverfilmung- bzw. Neuverfilmung zu handeln. Denn wenn von „Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens“ (Regie: Friedrich Wilhelm Murnau, 1922) einmal abgesehen wird, dürfte der Vampirfilm hierzulande lange Zeit über ausgestorben gewesen sein. Insofern betritt Gansel Neuland. Ob es aber ausreicht, dieses Genre neu zu erwecken?
Die Berlinerin Lena (Karoline Herfurth) ist eine Einzelgängerin, deren Leben darin besteht, sich durch Taschendiebstähle über Wasser zu halten. Als sie wieder einmal zuschlägt, wird der junge Polizist Tom (Max Riemelt) auf sie aufmerksam. Sie beginnt, sich in ihn zu verlieben. Doch die Ereignisse schlagen um. In einem Berliner Nachtclub, der der Vampir-Chefin Louise (Nina Hoss) gehört, wird diese auf Lena aufmerksam. Sie verspricht ihr ein anderes und besseres Leben. Louise wandelt seit 250 Jahren auf der Erde herum, um ihre große Liebe zu finden.
Bereits in der ersten Nacht wird Lena von Louise gebissen, worauf sie sich qualvoll verwandelt. Fortan ist sie dazu verdammt, als Untote durch die Berliner Nacht zu geistern und sich von üblichem Menschenblut zu ernähren. Lena genießt das Leben mit tollen Party, luxuriösen Autos und Designerkleidung. In Begleitung von Charlotte (Jennifer Ulrich) und Nora (Anna Fischer) mischt sie Berlin bei Nacht auf. Doch stärker sind die Gefühle für Tom. „Twiligth“ hat es bestätigt: Die modernen Vampirgeschichten sind Liebesgeschichten. Immer wieder geht es um die große, die unerfüllte Liebe, die schon schwärmerisch durch die Zeit geistert und wofür man gerne tötet. Diese abgöttischen Leidenschaften überdauert das sterbliche Leben. Und mittels der Verwandlung werden sie zum ewigen Erleben der Untoten. Vampire/innen, so das Genre, verlieben sich nicht unbedingt in Gleichgesinnte, sondern in ein menschliches Wesen (vgl. die Liaison zwischen Bella und Edward). Hier wie dort, wird die Liebe bis zum „letzten Biss“ auf die Probe gestellt.
Nina Hoss, die eigentlich ganz passabel in „Die weiße Massai“ (Regie: Hermine Huntgeburth, 2005) gespielt hat, ist allerdings nicht Edward, wie auch Lena nicht Bella ist. Aber Louise beißt. Damit verwandelt sie ihr(e) Opfer. Lena hadert mit ihrer neuen Verfassung und will sich nicht damit abfinden. Ein Stück der Restmenschlichkeit soll erhalten bleiben. Denn schließlich geht ihr Tom nicht aus dem Kopf. Doch das Unheil naht...
Leider ist diese Vampirliebe in dieser Großstadt ziemlich missraten. Das mag nicht explizit an Karoline Herfurth liegen, aber sicherlich an der befremdlich wirkenden Nina Hoss, die zwar die kühle Blonde spielen darf, sich aber meisten verheddert und in vielen Szenen einfach neben sich steht.
Das moderne Berliner Großstadtleben mit den Pubs, den Clubs und den Bars hat natürlich etwas. Es spiegelt zumindest viel von der Szene wieder, die sich dort etabliert hat. Gefeiert wird, ohne Unterlass, bis zum Morgengrauen. Die hübschen, jungen Vampirinnen fühlen sich dementsprechend auch hier wohl. Sie tanzen ausgelassen nach der Musik von Heiko Maile, Covenant, Iamx oder Xenia Beliayeva. Sie fliegen sozusagen in Vampirart durch die Nacht- von einer Session zur anderen. Dazu gibt es immer wieder Parallelerzählungen, die Tom bei Ermittlungen zeigen. Die ersten Toten bringen ihn dann auch schnell auf die eigentliche Spur. Er will Lena retten, muss sich aber dabei mit den Vampirinnen herumschlagen. Der Einbruch des Films ist nun nicht mehr aufzuhalten.
Gansel kann sich nicht entscheiden, was er denn nun will: Will er am deutschen Vampirfilm weiterstricken, dem Publikum einen Thriller anbieten, oder eine seichte Liebesgeschichte verfilmen? Mit Verlaub: an Bella/Edward kommt er nicht heran. Aber vielleicht war das von ihm auch gar nicht beabsichtigt?
Die Dramaturgie und das Drehbuch sind schlecht. Nichts ist irgendwie nachvollziehbar. Aber dann vielleicht doch Bob Dylans: „Forever Young?“, das hier die Gespielinnen zelebrieren dürfen. Selbst Paris Hilton hätte ihren Spaß, obwohl sie ja schon in „One Night in Paris“ zum Ausdruck brachte, dass das Großstadtleben auch eine andere Variante zu bieten hat und nicht unbedingt (nur) Horror.
Diesen Vampirinnen ist dann auch der Horror abhanden gekommen. Die Dekadenz könnte ihnen zu Kopf gestiegen sein? Es bleibt dementsprechend bei künstlichem Blut, einigen Bissattacken und etwas Homoerotik. Tom, der ebenfalls gebissen wird, wird das überleben. Aber da sind die beiden Verliebten schon über alle Berge und „fliegen“ von dannen.
Der deutsche Vampirfilm bleibt dementsprechend eine echte Herausforderung. Dieser kann sich nicht sehen lassen. Weil Gansel nicht weiß, was er will, bleibt sein ganzes Vorhaben relativ uninteressant. Horror und Witzigkeit sind keine guten Beigaben für einen solchen Film, den viele Rezensenten sogar als neue deutsche „Vampir-Komödie“ bezeichnen, die sich aber stets an seiner „unechten“ Liebesgeschichte zerreibt. „Twilight“ dürfe auch so gesehen, für den Modernismus des Vampirfilms überhaupt stehen.
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