NOSFERATU - EINE SYMPHONIE DES GRAUENS
GRANDIOS
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 10. NOVEMBER 2010.
F. W. Murnau drehte 1922 einen der eindrucksvollsten Stummfilme, wenn nicht sogar den besten zur damaligen Zeit. Die Vorlage war Bram Stokers Roman „Dracula“. Der Film besticht durch seine grandiosen schwarz-weiß Kompositionen, die zur Annahme führen, dass hier der ewige Kampf zwischen „Hell und Dunkel“ (später auch als Kampf zwischen „Gut und Böse“ interpretiert) stattfindet. Überdies zeichnet sich diese Kunstform von einer ästhetischen Schönheit aus, die es nur selten im Stummfilmkino gab. Das Wechselspiel zwischen „Hell und Dunkel“ kristallisierter sich möglicherweise auch als eigener Stil heraus, der im späteren Kino immer wieder adaptiert werden sollte.
Murnau, deutscher Expressionist, benannte sein Werk „Nosferatu“. Eigentlich wollte er es „Dracula“ nennen, hatte aber wegen einer Klage, die Brokers Erben ihm anhängten, auf den ursprünglichen Filmnamen verzichtet. Die Verfilmung des Romans blieb aber im Wesentlichen unverändert. In Anlehnung an Murnaus „Nosferatu“ wurden bis 2005 zig „Dracula“-Filme abgedreht (der letzte in der Reihe dürfte „Wes Craven präsentiert Dracula III-Legacy“ gewesen sein).
Der unheimliche Dracula Max Schreck, macht hier seinem Namen alle Ehre. Seine Darstellung des Vampirs ist kindlich-schröcklich, naiv-triebhaft und tierisch wild. Wenn er jedem Flecken Blut entgegen taumelt, dann fühlt man sich an ein kleines Kind erinnert, das soeben Laufen gelernt hat. Die Kreatur, die Nächtens unterwegs ist, hat Angst vor sich selbst und vor allem anderen Getier. Seine Angst geht soweit, dass er selbst Ratten versucht auszuweichen.
Man kann sich in die Lage von Hutter (Gustav von Wangenheim) hineinversetzen, als er für seinen Arbeitgeber die einsam gelegene Burg von Graf Orlok aufsucht. Schon die Erwähnung des Namens „Orlok“ versetzt die Dorfbewohner in Angst und Schrecken. Und Hutter entdeckt auf einmal, dass die Kutsche, die ihn zur Burg bringen soll, ohne Kutscher fährt. Graf Orlok selbst macht einen aufgelösten Eindruck. Er sperrt Hutter, um sein Leben zu retten, in ein Zimmer ein. Doch Hutter kann fliehen und kehrt nach Bremen zurück.
Orlok folgt ihm. Sein Interesse gilt nun Hutters Frau Ellen (Greta Schröder). Ellen erkennt, dass sie das dämonische Wesen in den Tod locken kann. Der Plot ist fantastisch: Der Vampir wird von den Strahlen der Morgensonne verdampft.
Murnau schuf ein beeindruckendes Kino-Bild. Wenn man Graf Orlok in den Gängen seiner Burg sieht, fröstelt es einen. Die gruseligen Schatten, die an die Wand geworfen werden, konnten sogar für lange Zeit filmisch als unübertroffen gelten. Wenn Orlok sich aus seinem Grab erhebt, dann wird das Unheimliche noch unheimlicher. In der Schlussszene löst sich das Schemenhafte in ein Nichts auf. Hier bleibt nur noch das Staunen über. Wahrlich: Eines der größten Meisterwerke der Filmgeschichte überhaupt. |