GANGS OF NEW YORK SCHLECHTER GEHT ES NICHT von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 17. JULI 2004. Über die Schauspielerei in „Gangs of New York“ sollte man schnell den Mantel des Schweigens hüllen; denn Martin SCORSESE („Taxi Driver“, 1975, „Wie ein wilder Stier“, 1979, „Farbe des Geldes“, 1986, „Good Fellas“, 1989, „Kap der Angst“, 1991, „Casino“, 1995) hat hier eine Riege versammelt, die wohl nur im Schweinwerferlicht zusammenpasst. Die als Taschendiebin hochgehandelte Cameron DIAZ ist das schwächste Glied in einem Epos, das in New York des 19. Jahrhunderts spielt und die gewalttätigen Auseinandersetzungen der irischen Einwanderer mit der ansässigen amerikanischen Bevölkerung schildert. Nicht nur, dass sie als Gespielin von Amsterdam Valllon (Leonardo DiCAPRIO) völlig deplaziert wirkt, nein, sie bleibt deshalb blass und kurios, weil sie diese Romanze durch ihr stolzierendes Gehabe ruiniert. Ihre schon ordinäre Habgier ist zu vergleichen mit einem unbelehrbaren Vandalen, der im Konkurrenzsystem gleich zwei Grundbedingungen erfüllen muss: abstauben und ausschalten. Bei DIAZ ist das auf die Spitze getrieben: rauben und vernichten Wie SCORSESE auf die Idee kam, diese Rolle mit ihr zu besetzen, wird sein Geheimnis bleiben. Es scheint, dass sie eine gewisse Selbstzerstörung durchzieht. Und unter Schlägerbanden, Plünderern und Vergewaltigern scheint sie sich bestens einfügen zu können. Mit denen, so die Filmlogik, müsse man auf Biegen und Brechen mithalten können. Anders ließe sich die Fehlbesetzung nicht erklären. Doch das ist nicht das einzige, was ins Auge sticht. Daniel DAY-LEWIS (als Bill the Butcher) will beweisen, dass man sich mit besonderer Brutalität in die Herzen des Publikums spielen kann. Ein Amokläufer, der außer Kontrolle gerät, der dem mörderischen Wahn unterliegt, seine Integration in Anfällen wahrhafter Wut zum sozialen Inhalt zu machen. Jeder Mensch hat das (kurze) Recht auf Berühmtheit. So spielt DAY-LEWIS auch. Als ob er sich ein letztes Mal der Öffentlichkeit zeigen will. Soll dabei sein Glasauge besonders heimtückisch wirken? DiCAPRIO reiht sich hier einfach ein. Am Spektakel teilzuhaben, ist nicht nur hier typisch für ihn. Er dringt in den Bereich der Einfallslosigkeit vor, um seine Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte New Yorks um 1860 zum Ausdruck zu bringen. So wie der Star an ein Publikum gebunden ist, so ist das Publikum nur durch den Star dieser Teilhabe fähig. Wenn im Film aber die Öffentlichkeit aus dem Star und seinem Publikum besteht, dann hat jeder auch die Möglichkeit, Publikum wie Star zu sein. Die Rache Amsterdams, die den eigentlichen Gewaltschub in Szene setzt, ist gleichzusetzen mit einem schlagenden Männerbund, in dem sie schon fast verherrlicht erscheint. Der Kreislauf der Gewalt setzt alle Energien frei, die nun endgültig ins System überführt werden können. Zum Gewaltbeherrscher wird man hier, weil man keine andere Wahl hat, weil man arm und ungebildet ist, weil es der Eruption egal ist, ob man uniformiert ist, zivilisiert oder gedrillt. Die Gewalt ist ein Schreckensbild. Alle Positionen in „Gangs of New York“ sind in Gewalt gesetzt und mit ihr unterlegt. Sie ist sozusagen vollständig verinnerlicht. Ob SCORSESE damit aber tatsächlich die amerikanische Gesellschaft charakterisieren kann, muss fraglich bleiben. Denn Ausgrenzung, Verelendung, Korruption und Kriminalität kann man erst dann transparent machen, wenn die politischen Verhältnisse nicht als Konfliktvererbung oder simple Rachefeldzüge dargestellt werden. Schließlich haben Produktionsmittel, Produktivverhältnisse und Produktionsmittelbesitzer historisch zunächst einen anderen Stellenwert; denn es geht um die Ware als entscheidende Kategorie für Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt. Das klammert SCORSESE wohlweislich aus. Selbst die Zwangsrekrutierung für den amerikanischen Bürgerkrieg erscheint absonderlich. Die unmittelbare Eskalation der Gewalt führt er darauf zurück. Eine subtile Analyse, die zudem noch falsch ist. „Gangs of New York“ bleibt an der Oberfläche. Der Film erklärt nichts, will vielleicht auch nichts erklären, womöglich nur andeuten. Selbst dabei macht er aus dem Publikum einen Narren. Aber warum dann dieser Film? Fazit: Die Gang in New York hat wenig mit der wahren Geschichte der irischen Einwanderer zu tun. Der Film ist nur ein Bilderbogen der Gewalt und der Vergeltung. Und so dreht er sich bis zum Ende der Welt. |