2001: ODYSSEE IM WELTRAUM VERSTRICKTER KULT von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 22. NOVEMBER 2006. Gradlinig erzählt, trefflich in der Regieführung, souverän zu neuen Formen aufstrebend, die sich unerreichbar stilistisch zusammensetzen- so könnte man Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ bezeichnen. Kubrick gilt als unnachahmlich. Seine hintergründigen und schwer zu definierenden Geschichten gelten als kühn und revolutionär, als verzweigte Studie über kulturphilosophische, kulturpessimistische und kulturpolitische Aspekte der Gesellschaft und des Lebens überhaupt. Und immer wieder war es die Sehnsucht nach dem unmöglich vorhersehbaren, dass ihn trieb, jene Spekulationen, die zwar oft untauglich waren, wenn es um gedankliche Entwürfe ging, aber doch voller Wagemut, der sich wohltuend vom Hollywood-Einerlei deutlich abhob. Kubrick wollte Werte vermitteln, die er selbst immer wieder auf den Kopf stellte. Und sich dabei nach dem Sinn der intellektuellen Redlichkeit fragte. Er war ein Wahrheitssuchender, der sie ironisierte und mit jener Verwirrung unterlegte, die einem Mühlstein nahe kamen, der die ganze Last der Zeit und der Geschichte langsam und unaufhörlich zu zermalmen begann. In „2001: Odyssee im Weltraum“ bringt Kubrick einen „schwarzen Monolithblock“, der offensichtlich außerirdischer Abstammung ist ins Bild, der für die Entstehung der Intelligenz (?) verantwortlich sein mag. Der „Aufbruch der Menschheit“ aus grauer Vorzeit wird Jahrtausende später von Wissenschaftlern auf dem Mond entdeckt und lockt ein Raumschiff in Richtung Jupiter an. Die Mission ist eigentlich zum Scheitern verurteilt, endet jedoch nicht heillos und antagonistisch. Zwar fällt der Bordcomputer aus und die Besatzung wird dem Tod geweiht sein. Es gibt nur einen Überlebenden, der der außerirdischen Macht begegnet und eine „kosmische Wiedergeburt“ erfährt. Das fantastische Abenteuer ist nicht einfache Science Fiction, die überdies das Genre jedoch auch nachhaltig beeinflusst haben dürfte, sondern ein mit Skepsis, bitterer Ironie und Zynismus vorgelegter (gesellschaftliche) Gegenentwurf. Die Entfaltung der negativen Potenzen des Films, insistiert auf ein mythisches Gegenland, dass mit dionysistischen Träumen ebenso spielt, wie mit den schrecklichen Erkenntnissen des Tods als tiefste Tragödie des Subjekts. Die Deutung des Films dürfte dann auch eher eine philosophische Ebene haben: die kalte bürgerliche Welt entfesselt permanent ihr Leiden, indem sie es aggressiv in die Welt trägt. Die Gefühle werden nicht befreit, sondern selektiert. Auch wenn sie nach Befriedigung schreien, gibt es keine positive Energie, die eine Umkehr einläuten könnten. Kubricks „Wiedergeburt“, wenn sie auch mysterisch-esoterisch erscheint, ist doch aufklärerisch in dem Sinne, dass er sie dialektisch verwandelt: in die irrsten Varianten des Hinter-sich-Lassen der Vergangenheit. Die Verdrängung der unterschiedlichen Zeitebenen im Film, sieht alle Vergangenheits- und Zukunftsgeschehnisse im Mittelpunkt, die wie ein Historienspiel ablaufen: Vergangenheitsbewältigung fällt mittels Zukunftsbewältigung. So durchläuft der Film auch Zeiten der chronischen Gegenwartsverdrängung. Es gibt keinen Zusammenbruch ohne Aufbruch, kein Eingreifen oder Wiederauferstehung („Wiedergeburt“ bei Kubrick), nichts Neues, sondern nur Erneuerung. Die Tricktechnik, die auf der Höhe der Zeit war, ließ mit optischen Finessen durchsetzt erkennen, dass die extensive Getriebenheit der Subjekte nicht bei einer intensiven Nabelschau stehen bleibt. Natur, Objekt und Technik, Subjekt und Natur (hier wider Willen) transformieren sich, negieren sich wieder und entstehen mit neuen Strukturen irgendwo wieder (neu) auf. Die Welt und der Kosmos, das ist ein tückisches Vokabular, eine Ängstigung. Kubrick wusste warum! |