SHINING
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ZWANGHAFT UND NEUROTISCH - EIN BLICK IN DIE SEELE
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von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 11. SEPTEMBER 2004.
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Über „Shining“ (Regie: Stanley KUBRICK, 1980) gibt es
eine Unmenge an guten Rezensionen.
Womöglich gehört der Film zu den besten seines Genres.
Für fast alle Rezensenten ist „Shining“ ein
Horrorthriller. Hier soll kurz umrissen werden, worum er
ganz und gar nicht in dieses Genre hineinpasst.
In einem eingeschneiten Berghotel in Colorado verfällt der
Schriftsteller Jack Torrance (Jack NICHOLSON), der dort
als Hausmeister den Winter mit seiner Familie verbringt,
langsam dem Wahnsinn.
Das Haus, als Labyrinth konzipiert, provoziert jene
Halluzinationen und Angstträume, die sich immer dann
auftun, wenn die Psyche sich weigert, sich den Realitäten
zu stellen und stattdessen zur zwanghaften Wiederholung
der eigenen Identitätskrise neigt.
Jack Torrance ‚sieht’ sich den Bluttaten gegenüber, die vor
Jahren in diesem Hotel geschahen und verfällt langsam
dem Wahnsinn. Er attackiert seine Frau, seinen Sohn, die
nur mit knapper Not einem Mordanschlag entgehen.
„Shining“ ist ein Film, der nur an der Oberfläche ein
effektvoller Horrorfilm ist.
In Wirklichkeit ist der Film eine virtuos inszenierte Studie
über die Wechselwirkung von Wirklichkeit und Schein,
Realität und Illusion.
Der Film ist ein Beispiel für die traumatischen Abgründe der
Seele, die sich jenseits des gesunden Menschenverstandes
auftun.
Die suggestive Symphonie des Schreckens führt den Zuseher
beständig in die Irre. Am Ende des Films weiß man nicht,
wer Jack Torrance eigentlich war und was man da gesehen
hat.
Die Intensität der Anfangsszenen wirken durchaus nach, wenn
man bedenkt, dass spätere Filme (vgl. etwa „Spider“)
die Drohungen und die Schrecken, die möglich sind,
außerordentlich gut abzubilden verstanden, und die sich
bei KUBRICK bedienten.
Hier ist die Erinnerung präsent, dass KUBRICK nicht nur
seine eigenen Schreckenserfahrungen, die sich in
zig Alpträumen widerspiegelten, verarbeitete, sondern
dass er beim Zuschauer auch dann die Angst lebendig
hält, wenn der Film längst beendet ist und man sich auf
den Weg zur wohlbehüteten Stube macht.
Dass die psychischen Depressionszeiten nie vorbeigehen,
ist über die Konventionalität der späteren Schocker hinweg
hier fantastisch vergegenwärtigt.
Die Mischung aus Realismus, Einsicht, Verwilderung
des Geistes und melodramatischen Einflüssen kann als
Errettungsgeschichte der eigenen Welt verstanden werden.
Sie ist es aber nicht unbedingt, wenn an die Wechselbäder
aus Hoffnung und Tragik gedacht wird und der verzweifelten
Suche nach der Würde.
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Nur wenige Filmemacher beherrschen diese Klaviatur.
Die beachtliche Steigerung in diesem Film lässt darauf
schließen, dass die eigenen Konfusionen und Desorientierungen
noch zerstörerischer sind als die grausamen Details, die uns
KUBRICK offerierte.
Offenbar hat nur der Schizophrene Zugang zu dieser
Marterung der Seele.
Das Verdienst von Stanley KUBRICK ist es allerdings, dieses
psychotische ‚Werden’ aus der Hülle befreit zu haben,
so dass ansatzweise nachvollzogen werden kann, was sich in
der Paranoia zu entwickeln beginnt.
Der klirrende Alptraum von Colorado scheint zu
elektrisieren, zu hypnotisieren, wenn man sich auf
KUBRICK und seine Odyssee einlässt.
In seiner Grandiosität wartet KUBRICK mit überwältigen
Bildern auf, die sich nach dem Kinogang unauslöschlich
einprägen.
Aus den Tiefen dieser Leinwandmatrix und der sie
sprengenden Visionen, kristallisiert sich ein seltsames
Paradoxon heraus: die schizophrene ‚Klarheit’
ist eine (ominöse) Erkenntnispforte des eigenen
Zustandes, nahezu omnipräsent.
Das labyrinthische Gewirr aus Türen und verschachtelten
Gängen, die einem spiegelbildlichen Irrgarten auf dem
Jahrmarkt gleichen, lockt den Zuschauer ins eigene
Abbild, in eine Sicht der Dinge, die immer neue Fragen
aufwerfen.
Es ist nicht nur die rätselhafte Schlusseinstellung, die
aufwühlt, wenn Jack Torrance sich im schneebedeckten
Wirrwarr der ihn umgebenden Hecken niederlässt,
sondern der Sinngehalt des finalen Sturzfluges, dass sich
die zeitlose Gewissheit verdichtet, unnormal unter
Normalen zu sein, und dass sich diese Grenze ständig
verschiebt.
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Das Labyrinth von KUBRICK mag geschichtspessimistisch
gedeutet werden.
Der Film ist jedoch zeitlos, weil sich die dunklen Untertöne
in einem Ballon des eigenen Aufbruchs und der
visuellen Erfahrungen niederschlagen.
In „Shining“ verkehrt sich die Welt immer.
Sie kann nicht nur einen Wahnsinnigen aus dem
Gleichgewicht bringen. Die extreme Unsicherheit
menschlichen Handelns enthüllt hier die bizarre
Hilf- und Kopflosigkeit in ausweglosen Situationen.
Die Logik des sperrigen Grübelns greift nicht; denn das
Grundmotiv aus „Shining“ ist, sich mit den
gebrochenen Identitätskrisen des Modernismus,
mit den Schattenrissen zu identifizieren.
Das geht nach KUBRICK nur über (Irr-)Glauben
an die scheinbar so erhabene Vernunft.
Der systematische Wahn, den NICHOLSON
verkörpert, ist die Differenz zwischen der Gegenwart
und der Zukunft.
Jene Reste von Menschlichkeit, die wir verspielt haben,
erscheinen durch die manifeste Handlung wie auf einem
Tablett gereicht.
Der Verzicht von KUBRICK, diesen Film aufzulösen,
zeigt, dass der Vorwurf einer distanzierten Kälte nicht
zutrifft, und dass der Zuschauer nicht die Abrichtung
akzeptieren soll, sondern die disziplinierte Hölle.
Und keinesfalls sollen die Gefahren, die er auf der
Leinwand zeigte, ein Gefühl dieser Unvermeidbarkeit
im Alltag aufkommen lassen.
Denn wer die Wirklichkeit mit diesen Schüben
verwechselt, der hat nicht begriffen, dass beides
in einem dialektischen Zusammenhang steht.
Leben ist Wahn und Wahn bedeutet zu leben
und mit ihm das Leben zu gestalten.
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Auffällig ist bei „Shining“, dass es KUBRICK
vermeidet, den Film mit einer eigentlichen Story zu
unterlegen.
Jack Torrance ist auch keine Figur im eigentlichen
Sinne. Jack NICHOLSON war hier ein Glücksfall;
denn als Identifikation mit dem Wahn verführt er.
In seiner Ausdrucksfähigkeit übersteigt er alles,
was später auf diesem Sektor gefilmt wurde.
Mit der einzigen Ausnahme, Ralph FIENNES aus
„Spider“, kann man seinen blutigen Einbruch
nachvollziehen.
Jack Torrance ist auch nicht unbedingt Jack NICHOLSON,
sondern das alltägliche Zerstörungsballett, eine
bedrängte und nicht auflösbare Gestalt.
KUBRICK hat seine tiersitzende Ablehnung gegenüber
der Herrschaft der Vernunft immer wieder auf
psychotische Gestalten übertragen.
Menschen, die gespaltene Persönlichkeiten waren und
sind, verbergen sich unter dem Deckmantel der
Paranoia in uns.
Auf eine eindringliche Art zeigt das “Shining“.
Man geht in diesem Film auf die Reise, ins eigene
Ich, ins eigene Labyrinth. Sein Film ist Recherche. Jedoch nicht Ekel,
Resignation und Zynismus. Seine Bilderrätsel
sind Denkrätsel, deren Lösungswege nichts
garantieren, aber auch nicht vorgezeichnet sind. |