DIE WELLE
KOMMENTAR
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 11. MÄRZ 2008.
Ach ja, „Die Welle", ein „Experiment", wie man liest, das Mutmaßungen zulässt über Absonderlichkeiten und Mechanismen, die greifen oder auch nicht. Die Kernfrage bei diesem Film (Regie: Dennis Gansel) lautet: Ist Diktatur in unserer Gesellschaft (noch einmal) möglich?
Wer hat sich an dieser Frage nicht schon die Zähne ausgebissen? Historiker haben sich im berühmten „Historikerstreit" (1986ff.) mit dieser Frage und anderen auseinandergesetzt, und eine lebhafte Debatte mit Brisanz über die „Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung" geführt. Mit der Debatte um Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker" (1996), ist er in gewisser Weise neu entbrannt, auch wenn sich der Autor primär dem Holocaust zuwandte. Und noch immer scheint die Frage woher der Nationalsozialismus eigentlich kam, nicht geklärt zu sein.
„Die Welle" will nun einen nachvollziehbaren oder glaubhaften (?) Ansatz gefunden haben, der in die Frage einmündet: Ist ein Rückfall in die NS-Denkweise möglich? Es bedarf nicht eines Films, um sich damit zu beschäftigen, erst recht nicht dann, wohl auf allen Klischees geritten wird, die es wohl hierbei gibt. Die mögliche Verharmlosung der NS-Diktatur und damit auch eines Denkens, mit dem man sich in der Nazizeit identifiziert hatte, liegt damit auf der Hand. Aber selbst dieser Ansatz würde zu kurz greifen; denn erst der Blick auf das 19. Jahrhundert, auf Politik und Literatur würde helfen können, die spätere Nazi-Herrschaft und die Ideologie, die ihr zugrunde lag, überhaupt zu verstehen.
Ob Dennis Gansel wieder einmal ins Fettnäpfchen getreten ist? Er ist nun schon mit „Napola" (1) gescheitert, einem Film, der wesentliche geschichtliche Fakten einfach unterschlug. Sollte sich das wiederholen? Es wird wohl außer Frage stehen, dass er die NS-Denkweise und die daraus resultierenden gewaltverherrlichenden Bewegung(en), die zum Holocaust führten, kaum erklären wird. Und auch nicht kann oder will, da es sich bei der „Welle" nur um spannende Unterhaltung handeln wird, wobei der Film zusätzlich noch als „Gesellschaftsthriller" (was ist das eigentlich?) vermarktet wird.
Um die Anfälligkeit fast eines jeden Menschen für NS-Parolen, Ausländerfeindlichkeit, Nationalismus, Faschismus und faschistisches Gedankengut, gewaltbereites Denken, staatlich verordnetem Gleitmarsch usw. zu erklären, sind sicherlich ganz andere Felder abzustecken. Sollte ein Film auf ein schwammiges Experiment zurückgreifen, dass nichts erklärt oder nichts erklären wird, ist er - mit einem Wort - unbrauchbar. Die Verführbarkeit nährt sich in erster Linie nicht aus Psychologismen, sondern immer noch aus gesellschaftlichen Bedingungen, Umständen und Verhältnissen.
(1) Vgl. Meine Kritik auf dieser Seite.