LISSI UND DER WILDE KAISER
KOMMENTAR
von DIETMAR KESTEN, GELSENKRICHEN, 15. OKTOBER 2007.
Michael Herbig („Lissi und der wilde Kaiser“) hat einen Animationsfilm über eine unbedeutende Fernseh-Soap (1955-1957) gemacht. Womöglich basiert dieser Film nur auf seinem eigenen Kulturverständnis; denn der Kapitalismus hatte in Wahrheit nie eine eigene Kultur, weil er nichts als die gähnende Leere des Geldes repräsentiert. Künstlerisch stellen diese verwandelten Marktgegenstände des Herrn Herbig vielleicht nur Reste einer vormodernen Kultur dar, die allenfalls kommerziell adaptiert wird. Heute wird beinahe jeder Schrott zur Kultur erklärt, manche Dinge (vor allem Filme) sogar als „kultisch“ verehrt, wenngleich es einige gibt, die tatsächlich in diesen Status erhoben werden müssten.
Der sogenannte kultische Postmodernismus bildet sich ein, er könne sich nun eklektisch die gesamte Kunstgeschichte verfügbar machen („anything goes"); in Wirklichkeit wühlt er bloß verzweifelt auf dem Müllplatz und in den Exkrementen der kapitalistischen Vergangenheit, um vielleicht noch Reste für das kulturelle „Recycling" zu finden. Nichts anderes dürfte „Lissi und der wilde Kaiser“ sein. Denn seine popkulturelle Oberfläche signalisiert ein „gute Laune Feeling“. Dabei dürfte einem dieses vor lauter Animationen im Kino doch schon längst vergangen sein. Doch immer ist noch nicht Schluss. Die Reproduktionstechniken der Industrie sind enorm. Als Film-Endprodukte machen sie einen erheblichen Teil der medialen und kommerziellen Individualisierung des gesamten Lebens aus, also auch von Politik und Kultur.
Das Fernsehen war der Beginn einer neuen Massenkultur der „vereinzelten Einzelnen", die heute in die postmoderne individuelle „Ästhetik der Existenz" mit ihren kapitalistischen „Technologien des Selbst" (Foucault) mündet, aus denen jede emanzipatorische Hoffnung getilgt ist. Es sind die heutigen Schöpfer der Filme, die Kultur als die reinste postmoderne Ästhetik und materialisierte Ideologie verkaufen. Das Lissi-Spektakel gehört mit zum Prozess der Banalisierung des Alltaglebens. Denn auch die Kulturindustrie schlägt alles mit der Ähnlichkeit des schon Dagewesenen. Frühzeitig, was nicht nur „Lissi und der wilde Kaiser“ betrifft, sollte man sich klar machen, dass auch diese „Amüsement“ mit dazu beiträgt, sich in das Spektakel der Kulturindustrie einzureihen.
Fast könnte man sagen: Herbig macht die Erwachsenenwelt zu Elfjährigen. Und das Lachen wird boomen. Jede/r wird sich auf die Schenkel klopfen. Und die Bilder mit dem wirklichen Leben gleichsetzen. Das Kino ist der Ort, wo sich jede Lüge beliebig produzieren kann. Aber es geht nicht nur um Lüge, sondern auch darum, dass sich das Verlogene nun auch hier selbst belügt. Und leider ist auch im Wahren immer ein Moment des Falschen enthalten.
„Lissi und der wilde Kaiser" räumt somit nicht mit den Behauptungen auf, wie die, dass der Himmel blau ist und die Bäume grün. Deshalb sind die „ereignisreichen" Personen Figuren des Falschen. Die Spektakel der Kulturindustrie beruhen auf der Identifikation des Zuschauers mit den ihm vorgesetzten Bildern und auf seinem Verzicht darauf, in erster Person zu leben. Wer nicht die Reise im Preisausschreiben gewinnt, muss sich mit den Filmen im Kino auseinandersetzen. Der Zuschauer ist also immer dazu gezwungen, in den Filmen die heutige Menükarte des überwältigenden Angebots seines Selbst zu studieren, obwohl er das womöglich gar nicht will.
Auch "Bullys" Bilder dringen ins wirkliche Leben ein. Bis es schließlich zur Verschmelzung aller Lebensbereiche kommt. Und somit kann man unterbewusst glauben machen, dass die Welt draußen die bruchlose Verlängerung derer sei, die man im Lichtspiel kennengelernt hat. Die erlebte Wirklichkeit durch die Kontemplation dieses Spektakels überschwemmt uns materiell. Und wenn sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden wir zu unseren eigenen Abbildern, wir werden zu bloßen Bildern, zu unwirklichen Wesen. Bliebe noch ein Satz von Theodor W. Adorno über, der einmal meinte, dass es mit dem Kino gelang, ein „Duplikat der Welt ins uns unauffällig einzuschmuggeln“. (Vgl. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 1969)