SICKO UND ANDERE
WENN ES IN CANNES DREIMAL KLINGELT/KOMMENTAR
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 12. JUNI 2007.
Alle wollen die Welt verbessern, alle warnen. Und jeder, der heute nicht am Thermostat dreht und noch kein umweltfreundliches Auto fährt, wird bereits schief angesehen. Ein Gipfel jagt den anderen, auf denen keine neuen Wahrheiten verkündet werden, außer dass man in Erwägung zieht, den Ausstoß von Emissionen zu stoppen. Dabei können sie gegenwärtig, wie Tsunami-Wellen, nur Erkenntnisse vermitteln. Die Aussichten sind also trüb.
In Cannes waren jedenfalls die „Anständigen“ wieder vor Ort, um zu bekunden, dass ihnen die Umwelt so am Herzen liegt, obwohl sie doch nur ihre Filme vorstellen sollten, die ihnen Millionen einbringen, die aber als eine Art „Beutekunst“ zu hinterfragen wären, da man es ihnen nicht abnimmt, sich für sozial Schwache, für die Umwelt oder für wen auch immer einsetzen zu wollen.
Ein Festival des Lugs, des Betrugs, falsche Tränen, falsche Wimpern und Heuchelei. Das Beklatschen erfolgt an der falschen Stelle. Und die Kopfnicker und Jasager versammelten sich später bei Sekt und Kaviar. Alles zusammen genommen kann das nur heißen: Wer auf Illusionen baut und wer im gleichen Boot mit den Verkündern der Heilslehre sitzt, dem ist nicht mehr zu helfen.
Leonardo DiCaprio, Weltverbesserer, stolzer Besitzer von schnellen Autos und Villen, die tausendmal mehr Emissionen freisetzen als ein 4-Familien Haushalt im ganzen Jahr, will mit „emotionalen Bildern“ vor den Gefahren der „Ausbeutung der Erde“ warnen. „The 11 th Hour“ heißt der Streifen, den er als Moderator vorstellte. Toll! Hauptsache man bleibt im Gespräch. Über was und über wen auch immer. Einem DiCaprio wird von den Fans sowieso alles abgenommen. Da ist es schon egal was er sagt und wie er sich gibt.
„Einfühlsam“ und mit noch mehr „Emotionen“ will auch Angelina Jolie wieder daherkommen. „The mighty Heart“ heißt der Film, in dem Jolie die Ehefrau des durch Fundamentalisten in Karachi hingerichteten Journalisten Daniel Pearl (2002) spielt. Jolie, die als eine der schönsten Frauen der Welt gelten soll, spielt die Rolle der Mariane Pearl nicht ohne Hintergedanken; denn die Vermarktungsstrategie ist ja ein Aushängeschild der Filmindustrie insgesamt. Selbst Ehemann Brad Pitt schien bei der Vorstellung des Films zu Tränen gerührt. Verkündete er doch, er habe in „den Worten seiner Frau baden können, so anrührend seien ihre Worte gewesen“. Für ein paar Millionen Dollar kann man schon mal eine Träne abdrücken.
Es wäre ein bezaubernder Abend gewesen, so herzlich und eindringlich, wenn da nicht Michael Moore gewesen wäre, der Kritiker vom Dienst, der Mann, der das schlechte Gewissen Amerikas in Persona ist, der die Finger in die Wunden legt. Moore lässt in „Sicko“ das amerikanische Gesundheitssystem Revue passieren, will aufmerksam machen, nachdenklich stimmen. Das alles erinnert irgendwie an Günter Wallraff und seine „Unerwünschten Reportagen“, die in der BRD zu Beginn der 1970ger Jahre zwar Aufsehen erregten, sonst aber nur als Randerscheinung gehandelt wurden, da einem selbst bei intensiven Studium die Einsichten in die Zusammenhänge verborgen blieben.
Gespannt darf man auch auf „No Country for old Men“ sein. Der Film der Coen-Brüder soll an „Fargo“ erinnern und sich „blutdurchtränkt“ geben. Das dürfte kaum wie eine Bombe einschlagen. Was ist heute nicht im Film nicht „blutdurchtränkt“?
Cannes, eine Parade von Stars und Sternchen. Hier wurden nur Filme gezeigt, die überhaupt eine Chance haben, ganz nach oben zu gelangen. Sollte ein kritisches Resümee gezogen werden, dann bliebe nur der Hinweis darauf, dass das Filmpublikum sich immer noch die Filme aussuchen kann, die es sehen will. Nur darin allein liegt die ganze Freiheit. Ansonsten würde man täglich nur den Säulen der Künstlichkeit aufsitzen.