TITANIC
WANN WIRD DER FILM ERWACHSEN?
KOMMENTAR
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 17. FEBRUAR 2008.
Glaubt man all denjenigen, die meinen, dass „Titanic" (Regie: James Cameron, 1998) einer der erfolgreichsten Filme überhaupt war, dann trifft das ohne Zweifel zu. (1) Wird die Frage gestellt, woran das lag, dann gehen die Meinungen weit auseinander. Viele meinen, dass das melancholische, zu Tränen rührende Ende der eigentliche Auslöser für den Welterfolg war. Andere, die eher in der Tradition der Massenunterhaltsamkeit stehen, schwören gerade auf die visuelle Schau des Films mit der Cameron den Hollywoodstandard weit überschritten haben soll. Wenn man diesen vielen „Nachrufen" trauen darf, dann ist „Titanic" ein „modernes Geschöpf", das aus der Vergangenheit zurückgekehrt war, in der Liebe und Leid unlösbar miteinander verknüpft waren.
Das Erstaunliche an „Titanic" war, dass der Marketing-Journalismus mithalf, einen Film zu verkaufen, der offenbar den Zuschauern sozusagen aus der Seele geschnitten war. In Krisen und Katastrophen war es immer so, dass die Rührung gegenüber der Realität obsiegte, und man konnte sich hier des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Wetterfeste „Goretex-Kino" sich aus seiner schieren Marktkraft nährte, die gleichzeitig einen Hinweis auf die Mittlerfunktion zwischen sog. „Kunstware" und Konsument war. Filme wie die „Titanic" sind unentbehrlich geworden. In der Filmästhetik müssen sie allerdings durchfallen, weil dieses Produkt über keinerlei Aussagekraft verfügt. Und zusätzlich noch wegen seines gigantischen Werbeaufwand sozusagen immun gegen jede Kritik gemacht wurde.
„Titanic" gilt als unkaputtbar. Obwohl der Kitsch regiert, konnte der Film alle Generationen miteinander vereinen, was für die heutigen familiären Unterhaltungsfilme kein leichtes Unterfangen darstellt. Celine Dion sorgte mit „My Heart Will Go On" für die musikalische Untermalung all jener Szenen, die die Gefühlslagen der Zuschauer ansprachen und sie zusätzlich vereinnahmte. Die Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses konnte somit auf die Spitze getrieben werden, und die „Titanic" steuerte gewissermaßen auf eine „Ersatzkultur" hinaus, die eine herrliche Spielwiese für die Anspruchslosigkeit des Publikums abgab.
Doch in der Zwischenzeit geht es auch darum, dass ein Film wie „Titanic", aber auch „Cats" oder „Der Pferdeflüsterer" usw. Prototypen künftiger Entwicklungen sind. Denn längst schon geht es nur noch um Quoten, Quotenjagd, Verkaufsrekorde, Einspielergebnisse, Top-ten Listen, Besucherhöchstzahlen und Einschaltquoten. Das alles ist zusammengenommen das neue (globale) ökonomische Meinungsbild über einen Film. Man könnte auch sagen: Hier wird eine neuartige Kulturware artifiziell erzeugt. Mit der Medienpräsenz sorgt sie dafür, dass sie sich gegenüber der Kritik abschottete. Und die Medienmacher sorgen nun ihrerseits zusätzlich für eine Unempfindlichkeit, da sie nun selbst Kapital investiert haben, dass sich wieder amortisieren muss. Auch so konnte die „Titanic" sich frei schwimmen.
Da ein Großteil des Publikums kaum Filmkritiken lesen dürfte, lief der Film wie ein Musical am Broadway quasi zum großen Erfolg auf. Vielleicht ist das nichts Neues! Neu allerdings mag die Totalität sein, mit der sich die „Titanic" in Zeiten der kulturellen Globalisierung auf dem ästhetisierten Markt bewegt. „Titanic" ist im eigentlichen Sinne zwar ein Film, doch im allumfassenden Spiel der Zeit nur noch ökonomisierte Kunst. Das eigentlich „künstlerische" ist die Ohmachtsbekundung des Films- Taschentücher und Kammermusik inklusive. Man sieht hier sozusagen das „postmodernes Grinsen" (David Denby, US-Filmkritiker) Hollywoods schon von weitem, wenn angesichts der „Titanic" die Dollarnoten, die sich zwischen Zeigefinger und Daumen befinden, hochgehalten und gegeneinander gerieben werden.
Kunst, Film und Fernsehen sind Big Business. Der Markt kann nur dann florieren, wenn nach Möglichkeit der Kritiker ausgeschaltet wird. Was die „Titanic" anbelangt, so zeigt sich, dass der Kritiker auch angesichts seiner nicht vorhandenen Möglichkeiten, in den großen Feuilletons kritisch zu publizieren, ohnmächtig bleibt. Der Kommerz ließ den Film von alleine zum Objekt der Begierde werden. Der Markt regulierte dieses Kulturindustrielle Warenangebot von ganz alleine, was m. E. auch die „Cineplexkinos" einschließt, die vor allem in Amerika zum Ort des sozialen Konsum geworden sind.
Auch in Deutschland erfreuen sich diese „Kinogroßküchen" wachsender Beliebtheit. Mit Fast Food, Kneipe und Disco hat sich die global agierende Filmindustrie Abspieltempel geschaffen, die Filme wie Falschgeld an den Mann bzw. die Frau bringen. Daran gemessen, hat der schleichende Tod des Films schon längst materialisierte Formen angenommen. „Titanic" ist nur ein Konsumentenfilm von vielen. In der Event-Kultur bestach er durch die globalen Marktschreier, die die Liebelei zwischen Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo DiCaprio) für bare Münze nahmen. Damit fällt das Urteil über diesen Film noch ein Stück härter aus: Der Film ist eine Müllhalde. Weil niemand in neue (Film-)Filteranlagen investieren will, ist das, was hinten rauskommt, minderwertiges Zeug. „Titanic" ist global-brutal, eine Kostenrechnung, ein High-End Produkt, das sich synthetisch gebildet hat und als Schluckauf der Abteilung Sinnkrise in die Filmgeschichte eingeht.
Anmerkung:
(1) Der Film gewann elf Oscars. Weltweit hatte er ein Einspielergebnis von 1,8 Mrd. US-Dollar. Allein in Deutschland sahen über 18 Millionen Kinobesucher den Film.